Die Auslöschung

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Wenn es Abend wird in Palala, greift Alpheus nach einer Decke und begibt sich ins Freie. Zu den Nashörnern, die hier im Schutz der südafrikanischen Waterberge leben.

Er begleitet sie durch die Nacht. Lauscht nach Motorgeräuschen. Hält Ausschau nach Lichtern, die durch das Grasland und den Busch irrlichtern.

Derweil sitzt Selomie Maritz in ihrem Wohnzimmer. Im Hintergrund knacken und quäken Funksprüche. Ein Auto wurde gesehen. Ziel unbekannt. Weiteres in Kürze.

Selomie Maritz wartet. Sie wartet auf die Nachricht, dass die Wilderer auch auf ihr Gebiet vordringen. Sie wartet auf Nachricht von Alpheus. Hofft, dass er sich nicht meldet. Hofft, dass auch diese Nacht wieder vorübergeht. Ohne dass ihre Nashörner Ziel der Wilderer werden. Unterdessen schickt sie Updates via Facebook in alle Welt und erhält im Gegenzug Zuspruch und Zuwendungen.

Bislang hatte sie, hatten ihre Nashörner Glück. Doch der Druck wächst. „In einem benachbarten Reservat wurde ein Nashorn erschossen, sein Horn mit der Motorsäge abgetrennt“, Selomies Stimme wird brüchig. Für das Horn gehen die Wilderer über Leichen. Keine Woche, kaum ein Tag, an dem es keine Meldung über niedergemetzelte, enthornte Rhinos gibt.

2013 wurden allein in Südafrika 1.004 Nashörner von Wilderern getötet. 1.215 waren es 2014.  2015 wurde zum ersten Mal seit langem ein leichter Rückgang an Verlusten  verzeichnet – auf 1.175. Zu viel. Viel zu viel.

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Bis 2007 herrschte weitgehend Ruhe in den Reservaten und Nationalparks Südafrikas. Die Bestände der Nashörner wuchsen an, auf heute rund 20.000. 75 Prozent aller Nashörner sind in Südafrika zu finden.

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Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Um 1920 waren gerade noch knapp 100 Breitmaulnashörner am Leben. 100 von den einst hunderttausenden, die es in Afrika gegeben hatte, bevor die europäischen Großwildjäger eintrafen.

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Nach heutigen Kriterien war das Nashorn damit in freier Wildbahn eigentlich ausgestorben. Doch ausgehend von dieser Handvoll Rhinos gelang es in Umfolozi ihre Zahl zuerst zu stabilisieren, dann zu erhöhen. In den 50er Jahren gab es bereits wieder rund 1.000 Tiere. In den 70ern rund 2.500. Von Südafrika aus wurden andere Gebiete in Afrika wieder mit Nashörnern, vor allem Breitmaulnashörnern, besiedelt. Selbst die Wilderei ging zurück.

Bis ein vietnamesischer Minister öffentlich kundtat, seine Krebserkrankung sei dank Rhinohorns geheilt worden. Seither steigt die Nachfrage im Fernen Osten sprunghaft an. Die Preise erreichen astronomische Höhen. Ein Kilo Rhinohorn wird mit bis zu 60.000, 70.000 Dollar gehandelt.

Der Mythos von der Heilkraft des Rhinohorns ist alt. Uralt. In der traditionellen chinesischen Medizin wird es – wie Tigerknochen – seit Tausenden von Jahren als Heilmittel eingesetzt.

„Versuch‘ einmal gegen einen Glauben vorzugehen“, meint der Ranger Joostie Bornman in Palala. „Noch dazu, wenn er so alt ist wie dieser. Dagegen ist das Christentum jung. Einen Glauben kannst du auch mit noch so vielen Aufklärungskampagnen nicht aus der Welt schaffen. Wir haben ein Problem. Ein großes Problem.“

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Alles nur wegen des Horns. Dabei besteht es aus Keratin – wie menschliche Haare und Fingernägel. „Sollen sie doch einmal versuchen, ihre Krankheiten damit zu heilen“, wirft Selomie Maritz ein. „Dann sehen sie, dass das nichts nutzt. Gar nichts. Das müssen wir den Asiaten klarmachen.“ Selomie Maritz glaubt an die Kraft der Aufklärung. Und sie glaubt an ihr Unterfangen.

„Die Nashörner in den Nationalparks sind verloren. Der Staat hat weder die Möglichkeiten noch die Mittel, die Tiere effektiv zu schützen. Es geht darum, kleine Refugien zu schaffen. Inseln, auf denen die Nashörner überleben können. Bis dieser Wahnsinn vorbei ist.“ Ihr Palala Rhino Sanctuary ist ein solches Refugium.

Sie ist nicht die Einzige, die sich engagiert. „Rettet unsere Rhinos“, diesem Slogan begegnet man in Südafrika an allen Ecken und Enden. In Form von Aufklebern auf Autos; aufgestickt auf Taschen; Unternehmen preisen ihren Anteil am aktiven Schutz lauthals an. Allein die Initiative „Unite Against Poaching“ hat in den ersten eineinhalb Jahren ihres Bestehens 3,7 Millionen Rand (rund 285.000 Euro) aufgetrieben und unterstützt Rangereinheiten im Krüger Nationalpark.

Es fehlt auch nicht an Ideen, wie man die Tiere schützen könnte. Ihre Hörner wachsen nach. Also kann man sie abschneiden – hornlos sollten die Tiere für Wilderer uninteressant sein. „Das hat nichts gebracht“, so Jurie Moolman, Eigentümer des Djuma Game Reserves in Sabi Sand. „Die Wilderer haben enthornte Nashörner erst recht getötet – um nicht ein zweites Mal Zeit zu verlieren.“

Eine andere Idee ist, das Horn mit einer Chemikalie zu präparieren. Dem Tier schadet sie nicht. Wohl aber den Menschen, die das Horn zu sich nehmen. „Es wird ihnen schlecht. Sie werden krank“, erklärt Selomie Maritz. Das trifft auf ihre Zustimmung. Vor allem hofft sie, dass das Horn dann nicht mehr gefragt ist.

Diese Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen. In Vietnam und China gilt der Besitz von Rhinohorn als Zeichen des Wohlstands. Wer es hat, der hat es geschafft. Es wird aufgehoben, in einer Vitrine präsentiert. Die Vietnamesen verstehen nicht, dass die Welt es zulässt, dass die Tiere dafür sterben müssen. Man könnte das Horn doch „ernten“, abschälen, abschneiden. Ohne dem wertvollen Tier dabei zu schaden.

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Diese Ansicht trifft in Südafrika durchaus auf Sympathie. „Ich bin dafür, den Handel, den kontrollierten Handel, mit Rhinohorn freizugeben“, merkt Moolman an. Damit könne dem Schwarzmarkt der Boden entzogen werden, die lukrierten Gelder könnten direkt in Maßnahmen zugunsten des Artenschutzes einfließen.

Derzeit ist es umgekehrt. Immer mehr private Reservate kürzen ihre Mittel für den Erhalt von Löwen, Wildhunden, Elefanten, für Forschung und Wissenschaft radikal. Oder stellen sie auf Null. Jeder Cent wird für den akuten Schutz der Nashörner gebraucht.

Wenn es Abend wird in Sabi Sand, dann hört man vom nahen Krüger Park das dumpfe Knattern von Armeehubschraubern. Sie fliegen Patrouille. Am Boden sind Ranger und Soldaten mit Hundestaffeln unterwegs und versuchen zu schützen, was kaum zu schützen ist.

Der Krüger ist so groß wie Israel. Zudem sind die Zäune zwischen Südafrika und Mosambik gefallen – um den Wildtieren die Möglichkeit zum Wandern zu bieten. Einstweilen machen vor allem die Wilderer von der Freizügigkeit im Busch Gebrauch. „Diese Leute haben Erfahrung im Buschkrieg“, erklärt Bornman. „Sie wissen, wie man sich im Busch zu verhalten hat. Sie sind bestens ausgebildet. Sie verfügen über bestes Material. Über Hubschrauber, Funk, Bodenunterstützung. Sie wissen genau, wo sie zuschlagen müssen. Sie liefern sich Feuergefechte mit Soldaten und Rangern. Das hier ist Krieg.“

Dahinter stehen organisierte Banden, die für Nachschub, Information und Transport sorgen. Die Wilderer wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen. Ihre Gegner aber sind untereinander uneins über den richtigen Weg, mit dem Problem umzugehen. Handel oder kein Handel? Präparierte Hörner? Kein Pardon für Wilderer? Druck auf Vietnam und China? Und wenn, wie?

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Oder ist die Wilderei doch nichts anderes als ein Ausdruck der verarmten, perspektivlosen Bevölkerung in Afrikas Ländern?

Wer zu Jurie Moolmans Djuma Game Reserve fährt, durchquert die Region von Buffelshoek. Rund 800.000 Menschen leben hier, 70 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit, es fehlt an Unternehmen, es fehlt an Ausbildungsstätten. Es fehlt an Zukunft. Woran es nicht fehlt, sind Hoffnungslosigkeit und Aids – jeder Vierte hier ist HIV-positiv. Buffelshoek zählt zu den 23 ärmsten Bezirken Südafrikas.

Vor zwölf Jahren hat der „Buffelshoek Trust“ seine Arbeit aufgenommen. Initiiert und vorangetrieben unter anderem von Jurie Moolman, der seine Aufgabe nicht nur darin sieht, die Natur und die Tierwelt zu bewahren, sondern auch den Menschen eine Zukunft zu geben. Zumindest dazu beizutragen. 30 Millionen Rand (2,3 Millionen Euro) hat der Trust seither aufgebracht und in Projekte in den Manyaleti-Dörfern investiert. Vor allem in Schulen. „Bildung“, sagt Moolman, „ist der Schlüssel für ein besseres Leben. Darum geht es.“

Afrikas Armut ist Afrikas Schwachpunkt.

„Es ist so verlockend. Für nur eine kleine Information erhält man Geld“, überlegt Ted Reilly. „Geld, um ein Haus zu bauen, das Schulgeld, den Arzt, was auch immer zu zahlen. Für nur eine kleine Information. Über ein Loch im Zaun. Über Nashörner auf der anderen Seite. Man tut nichts, nur ein wenig Wissen weitergeben. Doch damit ist man in den Fängen der Mafia!“

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Ted Reilly hat Erfahrung mit der Mafia. Er ist ein gerne angeführtes Beispiel für den erfolgreichen Kampf gegen die Wilderei. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre herrschte in dem kleinen Königreich Swasiland der „Rhinokrieg“. Zwischen 70 und 80 Prozent aller Nashörner wurden damals abgeschlachtet. Und Ted Reilly, dessen Reservate Mlilwane und Mkhaya gemeinsam mit dem Nationalpark Hlane die „Kingdom of Swaziland‘s Big Game Parks“ formen, stand an vorderster Front. „Es geht um Geld“, bekräftigt er. „Es geht immer um Geld und um die Möglichkeiten, die es einem bietet.“

Das organisierte Verbrechen hat viele Verbündete. Das Streben nach Geld, Korruption, Indifferenz. „Wir haben in Swasiland ein Gesetz durchgesetzt, das als unbedingte Mindeststrafe für Wilderei fünf Jahre vorsieht. Und alle, die Wilderei begünstigen, fallen ebenfalls unter diese Strafandrohung“, sagt Reilly. Es gab Proteste, auch von Seiten einiger Menschenrechtsorganisationen. „Aber König Mswati hat den Gesetzesvor- schlag unterstützt!“ Swasiland ist die letzte absolute Monarchie Afrikas.

Das kompromisslose Vorgehen imponiert vielen Südafrikanern. So und nichtanders lässt sich dasProblem lösen. Sagtauch Selomie Maritz. Swasiland ist für sie die letzte, die sicherste Insel für Nashörner in Afrika. Käme es darauf an, würde sie ihre Tiere hierher bringen, sagt sie.

„Wir hätten keinen Platz“, sagt Mick Reilly, Teds Sohn. „Was für Swasiland richtig ist, muss für Südafrika nicht richtig sein. Jedes Land muss seinen Weg finden.“

Die Nashorn-Wilderei, so Reilly, ist kein afrikanisches, es ist kein rein afrikanisch- asiatisches Problem. Seine Lösung hängt auch davon ab, ob Europa und Amerika bereit sind, im Rahmen der nächsten CITES-Konferenz 2016 auf die Idee des Nashorn-Erntens und -Handels einzugehen.

Am wichtigsten ist es daher, meint er, der Korruption den Kampf anzusagen. Können Südafrika und die anderen Länder der Region nachweisen, dass sie dieses Problem im Griff haben; können sie nachweisen, dass die eingesetzten Mittel wirklich für Artenschutzprogramme verwendet werden und nicht versickern, dann sollte es möglich sein, den kontrollierten Handel mit Rhinohorn zuzulassen.

„Europäer und Amerikaner sollen sich nicht länger einfach nur verweigern. Sie müssen im Gegenzug Druck auf die afrikanischen Länder ausüben, absolute Transparenz im Handel und bei der Verwendung der Mittel zu garantieren.“ Letztendlich steht und fällt der Artenschutz – und nicht nur der Schutz der Nashörner – mit den vorhandenen Geldmitteln. Die aber sind knapp in den afrikanischen Ländern.

Deswegen setzen die privaten Reservate auf den Tourismus. Heute mehr denn je. „Wir brauchen jeden Cent für unsere Arbeit. Der Tourismus garantiert uns eine finanzielle Basis“, so Reilly. Auch in Mkhaya patroullieren Ranger mit Schnellfeuergewehren und speziell trainierten Hunden. „In Mosambik ist das Nashorn innerhalb von 100 Jahren heute bereits zum dritten Mal ausgerottet. Jetzt sind Südafrika und der Krüger Park die einfachsten Ziele. Irgendwann werden die Wilderer auch uns wieder aufs Korn nehmen“, merkt Mick Reilly noch an. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“

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In Palala bereitet sich unterdessen Alpheus auf eine weitere Nacht im Busch vor. Ausgestattet mit einer Decke und einem Mobiltelefon. Um Unterstützung anfordern zu können. (fvk)

 

 

 

  

Franziskus von Kerssenbrock

point_of_science, 40 Eckpergasse, Wien, Wien, 1180, Austria

* 1966 Author, Journalist, Communications Expert Have written for various German and Austrian media (as DIE ZEIT, profil, DER STANDARD, HI!TECH, MERIAN, e.a.) Editor-in-chief at UNIVERSUM MAGAZIN Media Relations for Wirtschaftskammer Wien Head of Corporate Communications Oesterreichische Akademie der Wissenschaften Married, one son