Sehen. Entdecken.

Sie zählen zu den schönsten Momenten des Lebens, jene Augenblicke, in denen man sich als Entdecker wähnt. In denen man Entdecker ist, zum ersten Mal mit etwas Neuem konfrontiert, hingerissen von der Intensität der Andersartigkeit, beseelt vom Wunsch, diese Erfahrung zu teilen. Mit Hilfe von Fotos, schriftlich oder auch nur mündlich.

 „Eisberg“ von Franz Boas @ American Philosophicel Society, Philadelphia

„Eisberg“ von Franz Boas @ American Philosophicel Society, Philadelphia

Ich erinnere mich meines ersten Aufenthalts im Okavango Delta. Im Dezember 1993 fuhren der Fotograf Leo Fabian und ich von Johannesburg aus quer durch Botswana um uns einen dringenden Wunsch zu erfüllen, Afrika hautnah zu erleben. Wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns einließen, wir kannten den afrikanischen Busch nicht. Oder nur sehr am Rande.

Dann waren wir mittendrin. Mit Mokoros (Einbäumen) wurden wir entlang dichter Papyruswälder über eine Unzahl von Wasserläufen zu immer neuen Zielen gestakt, schlugen unsere Zelte irgendwo auf kleinen Inseln auf, unternahmen stundenlange Fußmärsche durch sengende Hitze, begleitet und geführt von zwei Einheimischen, notabene ohne Gewehr und also stets auf der Hut.

An einem Nachmittag lagerte ich im Schatten eines Baumes und war still und glücklich. Ich hatte mein Glück gefunden, die unentdeckten Orte dieser Welt, die wilden Plätze, fernab jeder Zivilisation. Das war, worüber ich von nun an berichten wollte, in Artikeln und in Büchern, vielleicht sogar in Dokumentarfilmen. Ich, Livingstone. Ich, Stanley. Ich, Speke. Immer mit einem Notizbuch in Reichweite.

Zurück in Kapstadt untersuchten wir das Bildmaterial, auf dessen Ausarbeitung wir so ungeduldig gewartet hatten wie Kinder auf die weihnachtliche Bescherung. Mit der Lupe beäugten wir jedes Foto, auf der Suche nach Details, nach unseren Erinnerungen.

 „Weibchen des Gürtelfischers“ von John James Audubon @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

„Weibchen des Gürtelfischers“ von John James Audubon @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

Auf den Bildern des ersten Abends fiel mir etwas auf, dessen ich mir vor Ort gar nicht bewusst gewesen war. Im Schatten des Dickichts jenseits einer weiten Fläche machte ich die Silhouetten von Elefanten aus. Warum Leo mich nicht auf sie aufmerksam gemacht hätte, verlangte ich zu wissen. Welche Elefanten? – Diese hier, auf den Mittelformatfotos. – Da sind keine Elefanten. Wir haben am ersten Abend gar keine gesehen.

Leo hatte Recht. Wir hatten sie nicht gesehen.

Und er irrte. Sie waren da gewesen. Für unsere ungeübten Augen nicht zu erkennen, durch Zufall nur fotografisch dokumentiert.

Womit ich eine Lektion gelernt hatte. Man sieht nur, was man kennt. Und – Entdeckungen lauern überall.

Eine solche ist das Buch „Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen, Notizen“ von Huw Lewis-Jones und Kari Herbert. Die beiden Autoren unternehmen eine vollkommen anders geartete Entdeckungsreise, sie stoßen in Archive vor, in Bibliotheken, in private Sammlungen auf Dachböden und in Kisten. Ihr Ziel ist klar, sie wollen Notizen, Skizzen, Bilder, Aufzeichnungen von Forscherinnen und Forschern zusammenstellen, den Zauber des Erstmals, aber auch die Strapazen, die Mühen, die Widrigkeiten und all die Schönheit in einem Buch zusammenfassen.

 „Karte des Vesuv, auf der historisch verbriefte Lavaströme eingezeichnet sind“ von John Auldjo @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

„Karte des Vesuv, auf der historisch verbriefte Lavaströme eingezeichnet sind“ von John Auldjo @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

Was sie zusammengetragen haben, ist bemerkenswert. In jeder Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur spannen sie einen Bogen, der vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, und nicht nur vereinen sie Frauen wie Gertrude Bell, Amelia Edwards, Maria Sibylla Merian und Alexandrine Tinne (um nur ein paar zu nennen) mit ihren männlichen Kollegen wie Roald Amundsen, Bruce Chatwin, Thor Heyerdahl, John Hanning Speke und Edward Wilson. Sie präsentieren Geschichten von und über die Entdecker. Sie nehmen ihre Notizen zur Hand, bereiten ihre Skizzen, ihre Zeichnungen, ihre Bilder auf, schaffen einen Kosmos des Erstaunens und der Hingerissenheit.

75mal konfrontieren die Autoren ihr Publikum mit 407 kunstfertigen Abbildungen.

Das sind nicht einfach Skizzen, ungefähre Bestimmungen, es sind auch keine Punkte entlang bestimmter Koordinaten, es sind Portraits unerwarteter Intensität. Eine Sammlung kleiner und großer Meisterwerke – entstanden im Zuge der Forschung.

Manche haben darüber hinaus auch geschichtliche Bedeutung, so wie die Notizen David Livingstones, die er in einem Versteck anfertigte, während Sklavenhändler ein Dorf überfielen und seine Bevölkerung entweder niedermetzelten oder gefangen nahmen. Livingstone hatte sich verborgen und schrieb fieberhaft auf dem wenigen Papier, welches er zur Verfügung hatte ­– ein paar Seiten des London Evening Standard. Er schrieb sie voll. Mit einem Augenzeugenbericht, der, so kann man das sagen, die Welt aufrüttelte. Die Schrift ist längst verblasst, schon gar nicht mehr zu lesen, gäbe es da nicht die Möglichkeit spektraler bildgebender Verfahren, die den Bericht aus der Deckung wieder lesbar machen. Auch diese Seiten finden sich in dem Buch.

 „Larven und Puppen, Südafrika“ von Margaret Fountaine @ The Trustees of the Natural History Museum, London

„Larven und Puppen, Südafrika“ von Margaret Fountaine @ The Trustees of the Natural History Museum, London

Und dazu kurze, pointierte Darstellungen der Forscherinnen und Entdecker. Keine Heldensagen, oftmals Berichte von Ungemach, von Zweifel, von Langeweile und Öde, oft genug von Todeskämpfen und Verzweiflung. Sowie von den Notizen, Skizzen und Bildern und Karten, die davon Kunde geben sollten.

Im Juli 1883 sitzt der deutsche Geograf Franz Boas wochenlang auf einem Schiff im Packeis der Arktis fest. Er greift zu Pinsel und Stift und hält einfach fest, was er sieht. Eisberge. In hellem Weiß, schimmernd kalt, auf tiefblauem Wasser treibend. Bedrohlich. Fesselnd und berückend schön.

Ein Nebenprodukt seiner Tätigkeit, denn eigentlich hat Boas einen neuen Ansatz in die Anthropologie eingebracht, den „Vier-Felder-Ansatz“, eine „Methodologie, die Archäologie, Linguistik, biologische Anthropologie und Kulturantrhopologie verknüpft – und für eine umfassende Forschung, Feldforschung und volkskundliche Studien steht“. Boas hatte ein Jahr lang mit und unter den Inuit gelebt, trug ihre Kleidung, aß, was sie aßen, lernte ihre Sprache, lauschte ihren Erzählungen und wurde, so weit möglich, zu einem der Ihren.

 „Schmuck, ein Frosch und eine Kröte“ von Olivia Tonge @ The Trustees of the Natural History Museum, London

„Schmuck, ein Frosch und eine Kröte“ von Olivia Tonge @ The Trustees of the Natural History Museum, London

Olivia Tonge beobachtete gänzlich anders. Stark kurzsichtig wie sie war, blieb ihr die Landschaftsmalerei verwehrt. Nicht aber die Abenteuerlust und das Gespür für das Detail. „Und es begab sich“, schrieb sie, „dass eine gewisse Großmutter, als sie beinahe vier Dutzend und zwei Jahre alt war und in die Jahre gekommen, all so zu sich sagte – Siehe, malen werde ich nun [...] und wahrlich kein Mann wird sie aufhalten.“ Drei Jahre lang bereiste sie ab 1908 Indien und Pakistan und füllte 16 Skizzenbücher. Hier nun kommt sie zu Ehren. Verdientermaßen.

 „Robert Scott in seinem ,Arbeitszimmer‘ am 7. Oktober 1911“ @ Herbert Ponting

„Robert Scott in seinem ,Arbeitszimmer‘ am 7. Oktober 1911“ @ Herbert Ponting

Eine Edition längst vergangener Tage, könnte man meinen. Dem widersprechen Lewis-Jones und Herbert. Sie zitieren den Meereskundler William Beebe, der erklärte, dass Langeweile unmoralisch sei. „Alles, was ein Mann tun muss, ist hinzuschauen. Überall um uns herum inszeniert die Natur die spannendsten Abenteuergeschichten aller Zeiten, aber wir müssen unsere Augen aufmachen. Letzten Monat bin ich zu Fuß über unser Gelände gegangen, als eine Termitenkönigin mit dem Bau ihrer wundersamen Stadt begann. Ich sah sie, weil ich nach unten blickte. Eines Nachts flogen drei Riesenflughunde vor dem Mond vorüber. Ich sah sie, weil ich nach oben schaute. Für manche Menschen ist der Dschungel ein chaotischer Ort voller Gefahren. Aber für denjenigen, der sehen kann, bilden seine Ranken und Pflanzen einen wunderschönen und sorgfältig angeordneten Gobelin.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. (fvk)

Sämtliche Abbildungen sind dem Buch „Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen und Notizen“ entnommen.

„Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen und Notizen“

Texte von Huw Lewis-Jones, Kari Herbert, Sir Ghillean Prance, Alan Bean, Tony Foster, David Ainley, Wade Davis. Aus dem Englischen von Tracey J. Evans

320 S. | 407 Abb. | € 44,90 (D) | € 46,20 (A)

ISBN 978-3-944874-47-0

Sieveking Verlag, München, 2016 | www.sieveking-verlag.de

Franziskus von Kerssenbrock

point_of_science, 40 Eckpergasse, Wien, Wien, 1180, Austria

* 1966 Author, Journalist, Communications Expert Have written for various German and Austrian media (as DIE ZEIT, profil, DER STANDARD, HI!TECH, MERIAN, e.a.) Editor-in-chief at UNIVERSUM MAGAZIN Media Relations for Wirtschaftskammer Wien Head of Corporate Communications Oesterreichische Akademie der Wissenschaften Married, one son