Frei von Göttlichkeit

Wie der Glaube an einen Gott den Wissenschaften den Weg bereitete. Und welche Rolle Echnaton und Moses für die Eroberung des Weltalls spielen. Eine Spurensuche.

 Im Weltall: Ed White 1965 © NASA

Im Weltall: Ed White 1965 © NASA

Wann beginnt die Geschichte der Raumfahrt? Mit Jules Vernes Roman „Von der Erde zum Mond” im Jahr 1865? Mit Konstantin Ziolkowskis Theorie über den Raketenantrieb um 1900? Oder doch erst mit Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch in den Weltraum vorstößt? Der Professor für Altes Testament an der Universität Wien, Walter Kornfeld, überraschte im Jahr 1970, die erste Mondlandung war noch frisch in Erinnerung, seine Studenten. Thema seiner Vorlesung war die biblische Schöpfungsgeschichte. Genauer gesagt, Genesis 1,16: „Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere”. Notburga Mayrhofer erinnert sich lebhaft an den Moment, als er kurz und knapp sagte: „Meine Damen und Herren, hier beginnt die Geschichte der Raumfahrt.“

Bei einem Vortrag in Innsbruck, 40 Jahre später, erklärt Mayrhofer, als Schwester Beatrix Provinzoberin der Armen Schulschwestern: „Das mag im Moment verwunderlich klingen. Aber wenn man den Text genau ansieht, dann nennt der biblische Schriftsteller die von vielen Völkern so göttlich verehrte Sonne und den Mond ganz despektierlich bloß ,Lampen‘. Gott macht Lampen und hängt sie an den Himmel. Ja, weil das All Gottes Schöpfung und nicht Gott selbst ist, eröffnet sich das Tor zur Forschung. Gerade die Entmythologisierung des Kosmos ist die Voraussetzung für seine wissenschaftliche Erforschung.“

Eine religiöse Erzählung als „Voraussetzung“ von Wissenschaft und Forschung? Das ist starker Tobak. Aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

ES KANN NUR EINEN GEBEN

Eine Revolution bricht ab 1353 v. Chr. über Ägypten herein. Der Pharao sendet seine Männer aus, die Namen der alten Götter zu tilgen. Sie zerkratzen ihre Namen in den Tempeln, sie verbieten die alten Riten. Niemand mehr darf den Göttern opfern, niemand mehr ihre Statuen baden und kleiden. Selbst Balsamierer und Mumizierer verlieren Aufträge, an Ansehen und Einfluss. Nur eine Gottheit zählt: Aton. Symbolisiert durch die Strahlen der Sonne. Gestaltlos und allmächtig.

 Im Louvre: Pharao Echnaton © Wikimedia/Louvre/Rama

Im Louvre: Pharao Echnaton © Wikimedia/Louvre/Rama

Während die alten Tempel leer stehen und dem Verfall preisgegeben werden, wird in Theben ein 600 Meter langes Opferareal errichtet. Altar reiht sich an Altar. Jeden Morgen wird hier dem Aton geopfert. Wird das Fleisch zahlloser frisch geschlachteter Rinder und Hühner den Strahlen der Sonne entgegengehalten.

Echnaton, der „Ketzer-Pharao”, von dem nur wenige Reliefs mit einem in die Länge gezogenen Hinterkopf und Wulstlippen erhalten sind (die Büste seiner Gattin Nofretete hingegen ist heute in Berlin zu sehen) herrscht 17 Jahre. Sein (mutmaßlicher) Kurzzeitnachfolger Semenchkare hält am Aton-Kult fest. Dann besteigt Tutanchaton den Thron der Pharaonen – und geht als Tutanachamun in die Geschichte ein. Ägypten aber kehrt mit ihm zurück zu seinen alten Göttern. Ramses der Große lässt den Namen Echnatons zur Sicherheit aus den Königsbüchern tilgen. Nichts soll an den Irrweg erinnern. Es herrscht wieder Friede in der Götterwelt der Ägypter. Zurück kehren Isis und Osiris, Seth und Horus. Zurück kehrt die ewige Ordnung des Kreislaufs aus Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt.

Etwas mehr als 20 Jahre dominiert der Aton-Kult Ägypten. Eine kurze Zeitspanne, verglichen mit der mehrtausendjährigen Geschichte des pharaonischen Reichs. Eigentlich nur eine Fußnote. Eine Irritation allenfalls. Die aber hält bis heute an.

URSPRUNG STATT SCHÖPFUNG

Echnaton fasziniert. Kaum wird er um 1900 von Archäologen wiederentdeckt, vermuten Ägyptologen wie der Amerikaner James Breasted oder der deutsche Althistoriker Eduard Mayer einen Zusammen- hang zwischen ihm und dem Propheten Moses. Sigmund Freud nimmt sich ebenfalls des Themas an. 1937 erscheint sein letztes großes Werk „Der Mann Mose und die monotheistische Religion“. Auch er ortet den Ursprung des altisraelischen Eingottglaubens bei Echnaton. Moses, so postuliert er, sei eigentlich ein Aton-Priester, der das geistige Erbe des Pharaos aufrechterhält. Den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten deutet er als die Abwendung vom alten Vielgottglauben.

Für den Aton-Priester Moses hat die Archäologie bis dato keinen Beleg gefunden. Dass aber die Religion des Moses eine unmittelbare Reaktion auf die altägyptische Götterwelt ist, dafür spricht vieles. Mit Folgen, die unser Bild der Welt nachhaltig beeinflussen.

Für die Ägypter, so der in Konstanz lebende Ägyptologe Jan Assmann bei einem Vortrag in Innsbruck 2010, steht am Anfang der Welt nicht etwa ein Schöpfungsakt als vielmehr ein Ursprung. „Diesen Ursprung stellten die alten Ägypter sich als Spontangenese eines Urgottes vor, der als Sonne aufging und durch seine Strahlung die Welt aus sich entließ, die sich in Luft und Licht, Himmel und Erde, Raum und Zeit, Land und Wasser, Menschen, Göttern, Tieren und Pflanzen in Form eines komplementären Prozesses aus Emanation und Kreation entfaltete.”

Dieser Punkt ist zentral für das Verständnis Altägyptens. Der Ursprung liegt für die Menschen des Pharaonenreichs nicht in ferner Vergangenheit, er wiederholt sich vielmehr jeden Tag mit dem Aufgang der Sonne. Alles was ist, ist mithin von der Sonne abhängig. Mehr noch: „Diese Abhängigkeit alles Seienden von der Sonne wird als Herrschaft verstanden, die die Sonne über alles Seiende ausübt, und zwar als politische, als Königsherrschaft. Die pharaonische Königsherrschaft ist nach altägyptischer Überzeugung so alt wie die Welt“, fasst Assmann zusammen. Und der Pharao ist der „Sohn der Sonne”.

 In Rom: Moses © Wikimedia/Rabax63

In Rom: Moses © Wikimedia/Rabax63

Die Bedeutung dieser allumfassenden Zuständigkeit zum einen und des tagtäglich gelebten Wiederkehrens des Ursprungsmythos zum anderen formt als große Erzählung das Bild, welches sich die Menschen Ägyptens von der Welt machen. Alles ist göttlich, die Sonne, die gesamte Natur, die Umwelt, mit der die Menschen sich konfrontiert sehen. Und: Sie sind nicht zu hinterfragen.

VEREHRUNG ALS HÖCHSTES ZIEL

Dieses Element ist keine Besonderheit der altägyptischen Zivilisation. Die Sumerer pflegen eine ähnliche Sichtweise. Der tschechische Wirtschaftswissenschaftler Tomas Sedlacek untersucht in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse” die Geschichte unseres Wirtschaftssystems und geht dabei weit zurück. Bis in die Zeit der frühesten Mythen. Er beginnt seine Ausführungen anhand des sumerischen Gilgameschepos: „Die Geschichte hat kein Ziel, alles wiederholt sich mit kleinen Veränderungen zyklisch, wie wir es aus der Natur kennen [...] Die Natur war nicht entdeifiziert; daher war es unvorstellbar, sie zu erforschen, geschweige denn, in sie einzugreifen (sofern man nicht zu zwei Dritteln Gott war, wie Gilgamesch). Es wäre viel zu gefährlich gewesen, das Terrain der höchst launischen Götter zu untersuchen.”

Dabei wären Ägypter wie Sumerer durchaus und mit Leichtigkeit in der Lage gewesen, wissenschaftliche Forschungen voranzutreiben. Ihre Kenntnisse in der Astronomie und damit in mathematischen Fragen, in Belangen der Architektur wie in jenen der Medizin sind unbestritten. Doch dienten etwa die Kenntnisse der Astronomie ausschließlich dazu, wiederkehrende Ereignisse exakt zu berechnen. Oder dazu, Tempelanlagen so genau auszurichten, dass die Verehrung der Gottheiten höchste Vollkommenheit erreichen konnte. Die Frage nach dem „Warum“ stellte sich einfach nicht. Unter Ramses II. erreicht Ägypten einen Gipfelpunkt wirtschaftlicher, kultureller und politischer Macht. Es dominiert die Welt des Mittelmeerraums und des Vorderen Orients, wie die USA die Welt nach 1989.

Dominanz aber ruft bisweilen heftige Gegenreaktionen hervor. Heute wie damals. Die Antithese zu Ägyptens Glanz, Gloria und Götterpomp ist der absolute Monotheismus des Volkes Israel. Ein Bruch mit dem altägyptischen Weltbild, wie er radikaler nicht sein kann. Radikaler noch als jener des Echnaton. Im Exodus des Alten Testaments wird nicht nur der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten beschrieben, sondern vor allem ein ganz anderes Bild der Gottheit vermittelt. Es gibt nur den einen Gott. Er hat weder Gesicht noch Gestalt. Er bietet den Menschen einen Bund an. „Gott stand nun in radikaler Außerweltlichkeit einer Welt gegenüber, die über keinerlei immanente Göttlichkeit mehr verfügte und die der Mensch gehalten war, sich untertan zu machen, damit er aufhörte, sie anzubeten”, so Assmann.

Im Buch Mose wird der Gott Israels als ein Gott der Befreiung positioniert. „der dich aus Ägypten und der Sklaverei befreit hat“. Und er ist ein Gott, der sich erweisen wird. Er ist ein Gott der Zukunft. Er befreit nicht nur das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft, er befreit es von einer durch und durch göttlichen Umwelt. Er beendet die tagtägliche Rückkehr zum Ursprung. Von nun an gibt es eine Vergangenheit. Mehr noch, es gibt eine Zukunft.

„Das Zeitverständnis der Juden ist linear, für sie hat die Zeit einen Anfang und ein Ende. Sie glauben an den historischen Fortschritt, und zwar in dieser Welt“, hält Sedlacek fest. „Zu den Dingen, die die Menschheit den Verfassern des Alten Testaments verdankt, gehören die Idee und das Konzept des Fortschritts.” Und: die Entgöttlichung ihrer Helden so wie der Natur.

DIE NEUE IDEE DES FORTSCHRITTS

Damit stellt sich das Volk Israel in allen Belangen gegen die damals herrschende und alles überstrahlende Lehre. Es bricht gleichsam aus der Gefangenschaft des ewigen Kreislaufs aus, es zieht seine Identität aus dem klaren Gegensatz zum zivilisatorisch alles überstrahlenden Ägypten. Ob dahinter ein ehemaliger Aton-Priester steckt, der die Lehre des Echnaton weiterführt oder nicht, ob der Exodus so vonstatten gegangen ist, wie tradiert, oder ganz anders stattgefunden hat, wofür es durchaus Anhaltspunkte gibt, ist im Endeffekt einerlei.

Wichtig ist, dass eine Vorstellung formuliert wurde, die für unser heutiges Verständnis der Welt von elementarer Bedeutung ist. „Zur Idee des Fortschritts, die später die treibende Kraft bei der Erschaffung der Wissenschaft und die Hoffnung unserer Zivilisation generell wurde, kam es erst aufgrund eines linearen Geschichtsverständnisses“, fasst Sedlacek zusammen. Und fährt fort: „Unsere Zivilisation verdankt die Idee des Fortschritts also vor allem den Hebräern. Im Laufe der Geschichte erfuhr diese Idee allerdings große Veränderungen, und heute begreifen wir sie ganz anders.“

Ob der biblische Autor einst die Erforschung des Weltalls im Sinne hatte, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Die Geschichte der Raumfahrt bedarf wohl keiner Rückdatierung. Was aber als Kern dieser Erzählung Bestand hat, ist die Freiheit, die Welt zu untersuchen und erforschen. Ein Keim, der in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu voller Blüte gelangt. Durchaus zum Missfallen der kirchlichen Autoritäten. (fvk)

 Am Mond: Fußspur der Astronauten © NASA

Am Mond: Fußspur der Astronauten © NASA


Dieser Artikel ist erstmals in UNIVERSUM 9/2012 erschienen.

Franziskus von Kerssenbrock

point_of_science, 40 Eckpergasse, Wien, Wien, 1180, Austria

* 1966 Author, Journalist, Communications Expert Have written for various German and Austrian media (as DIE ZEIT, profil, DER STANDARD, HI!TECH, MERIAN, e.a.) Editor-in-chief at UNIVERSUM MAGAZIN Media Relations for Wirtschaftskammer Wien Head of Corporate Communications Oesterreichische Akademie der Wissenschaften Married, one son