Mehr als nur eine Operation

Gewichtsabnahme durch einen operativen Eingriff ist mehr als nur Fettverlust. Es ist der – harte – Start in ein neues Leben, mit einer überraschenden Reihe nachhaltig positiver Effekte. Das belegt eine vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Studie.

 Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Nach einem bariatrischen Eingriff (etwa eines Magen-Bypasses) stellen sich langfristig durchwegs positive Ergebnisse ein. Nicht nur in Hinblick auf eine dauerhafte Gewichtsreduktion, sondern auch was die Stabilität der Halsgefäße, das menschliche Erbgut und die Leistungsfähigkeit des Fettstoffwechsels betrifft. Das sind, kurz gefasst, die Ergebnisse der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie „Langzeiteffekte einer Gewichtsabnahme auf Artherosklerose“. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wurden 173 Patientinnen und Patienten vor und nach einer bariatrischen Operation begleitet. „Es zeigt sich“, so Studienleiter Christoph Ebenbichler vom Departement für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck, „dass diese Art von Eingriff höchst erfolgreich und nachhaltig ist.“

Ein Königsweg?

Die Operation als Königsweg zur Gewichtsreduktion? Sozusagen ein Allheilmittel für eine Gesellschaft, die tendenziell mehr und mehr zu Übergewicht neigt? Ebenbichler bremst die Erwartungshaltung ein. „Unsere Patientinnen und Patienten sind allesamt metabolisch Erkrankte.“ Das heißt, es sind Menschen, die an krankhafter Adipositas leiden. An einem Körpergewicht, welches durch Maßnahmen der Diätologie und Bewegung nicht mehr reduziert werden kann. „Es geht hier nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen“, das ist dem Mediziner wichtig. Und schon gar nicht handelt es sich um einen schlichten Eingriff: „Die Operation ist ein zentraler Aspekt, die Ernährungsumstellung, die Therapie danach, die sich teilweise über Jahre zieht, sind ebenso wichtig.“ Es ist also ein Prozess, der den Betroffenen vieles, sehr vieles abverlangt. Physisch wie psychisch.

 Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Am Beginn der Studie stand die ebenso simple wie wichtige Frage nach den Voraussetzungen, um einen derartigen Eingriff zu unternehmen. Seit 1994 werden in Innsbruck bariatrische Operationen durchgeführt, mit den Erfahrungen stiegen auch die Anforderungen. Es stiegen auch die Erkenntnisse. „Professor Herbert Tilg hat 2001 ein Projekt über die Leberverfettung gestartet, damit haben die intensiven Untersuchungen begonnen“, erinnert sich Ebenbichler.

Die Qualität der Tiefenuntersuchung

Die Innsbrucker Studie ist nicht die größte in Europa. In anderen Ländern, an anderen Forschungsinstitutionen werden in der Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer deutlich umfangreichere vorangetrieben. „Aber wir sind sozusagen in die Tiefe gegangen“, erläutert Ebenbichler. Das reicht von der detaillierten Anamnese über den bisherigen Gewichtsverlauf zu aktuellen Medikamenten und Komplikationen im Zusammenhang mit der bariatrischen Operation über Folgeeingriffe, Folgeerkrankungen, Begleiterkrankungen sowie eine Blutabnahme mit Bestimmung aller klinisch relevanten Stoffwechselparameter bis zu einer Befragung zur aktuellen Lebensqualität.

 Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Drei wesentliche Ergebnisse

Nach zehn Jahren und 173 untersuchten Personen konnte gezeigt werden, dass

zum einen die Wandstärke der Halsgefäße stabil bleibt. Die Wandstärke gibt Auskunft über das Risiko an Herz-Gefäßkrankheiten (Herzinfarkt, Schlaganfall und Atherosklerose) zu erkranken oder zu versterben. Mit steigendem Alter, Übergewicht, Rauchen und einem ungesunden Lebensstil nimmt die Dicke der Gefäßwand zu und erhöht das Risiko. Durch bariatrische Eingriffe wird die „natürliche“ Verschlechterung effektiv aufgehalten und das Risiko der Gefäßerkrankung verringert.

Zudem schützen bariatrische Eingriffe das menschliche Erbgut. Bei jeder Zellteilung legen sich Telomere schützend um das Ende des Erbguts und schützen es davor, abgeschnitten zu werden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Telomerlänge ab, ein Prozess, der durch einen bariatrischen Eingriff umgekehrt wird.

Und schließlich sinkt die Konzentration des Proteins PCSK-9 wodurch auf der Oberfläche der Leberzellen wieder mehr Andockstellen für Blutfett vorhanden sind. Nach einer bariatrischen Operation sinkt die Konzentration des Proteins parallel mit dem Körpergewicht. Im Gegenzug steigt die Fähigkeit der Leber mitunter schädliches Blutfett (welches zu Gefäßerkrankungen führen kann) aufzunehmen und zu verarbeiten.

 Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren

 „Die positiven Wirkungen sind tatsächlich umfassend – aber sie gehen auf die Gewichtsreduktion zurück“, betont Ebenbichler. Und die muss, nach der Operation, gesichert werden. „Kritisch sind die ersten eineinhalb Jahre, in denen weniger gegessen wird, in denen die Nahrungsaufnahme umgestellt wird ebenso wie die Lebensgewohnheiten, und in denen andere Medikamente eingenommen werden. Ein Zeitraum, der im Sinne des Wortes einschneidend ist“, führt der Mediziner aus. Nicht wenige Patientinnen und Patienten scheuen aus diesem Grund vor dem Eingriff zurück. Und dies, trotzdem die Krankenkasse „großzügig übernimmt“ so Ebenbichler. Es rechnet sich für die Kasse, erklärt er, „nach zwei Jahren ist die Investition der Kasse kosteneffektiv“. (fvk)

Dieser Artikel ist am 15.05.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Franziskus von Kerssenbrock

point_of_science, 40 Eckpergasse, Wien, Wien, 1180, Austria

* 1966 Author, Journalist, Communications Expert Have written for various German and Austrian media (as DIE ZEIT, profil, DER STANDARD, HI!TECH, MERIAN, e.a.) Editor-in-chief at UNIVERSUM MAGAZIN Media Relations for Wirtschaftskammer Wien Head of Corporate Communications Oesterreichische Akademie der Wissenschaften Married, one son