FWF

Mehr als nur eine Operation

Gewichtsabnahme durch einen operativen Eingriff ist mehr als nur Fettverlust. Es ist der – harte – Start in ein neues Leben, mit einer überraschenden Reihe nachhaltig positiver Effekte. Das belegt eine vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Studie.

Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Nach einem bariatrischen Eingriff (etwa eines Magen-Bypasses) stellen sich langfristig durchwegs positive Ergebnisse ein. Nicht nur in Hinblick auf eine dauerhafte Gewichtsreduktion, sondern auch was die Stabilität der Halsgefäße, das menschliche Erbgut und die Leistungsfähigkeit des Fettstoffwechsels betrifft. Das sind, kurz gefasst, die Ergebnisse der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie „Langzeiteffekte einer Gewichtsabnahme auf Artherosklerose“. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wurden 173 Patientinnen und Patienten vor und nach einer bariatrischen Operation begleitet. „Es zeigt sich“, so Studienleiter Christoph Ebenbichler vom Departement für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck, „dass diese Art von Eingriff höchst erfolgreich und nachhaltig ist.“

Ein Königsweg?

Die Operation als Königsweg zur Gewichtsreduktion? Sozusagen ein Allheilmittel für eine Gesellschaft, die tendenziell mehr und mehr zu Übergewicht neigt? Ebenbichler bremst die Erwartungshaltung ein. „Unsere Patientinnen und Patienten sind allesamt metabolisch Erkrankte.“ Das heißt, es sind Menschen, die an krankhafter Adipositas leiden. An einem Körpergewicht, welches durch Maßnahmen der Diätologie und Bewegung nicht mehr reduziert werden kann. „Es geht hier nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen“, das ist dem Mediziner wichtig. Und schon gar nicht handelt es sich um einen schlichten Eingriff: „Die Operation ist ein zentraler Aspekt, die Ernährungsumstellung, die Therapie danach, die sich teilweise über Jahre zieht, sind ebenso wichtig.“ Es ist also ein Prozess, der den Betroffenen vieles, sehr vieles abverlangt. Physisch wie psychisch.

Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Am Beginn der Studie stand die ebenso simple wie wichtige Frage nach den Voraussetzungen, um einen derartigen Eingriff zu unternehmen. Seit 1994 werden in Innsbruck bariatrische Operationen durchgeführt, mit den Erfahrungen stiegen auch die Anforderungen. Es stiegen auch die Erkenntnisse. „Professor Herbert Tilg hat 2001 ein Projekt über die Leberverfettung gestartet, damit haben die intensiven Untersuchungen begonnen“, erinnert sich Ebenbichler.

Die Qualität der Tiefenuntersuchung

Die Innsbrucker Studie ist nicht die größte in Europa. In anderen Ländern, an anderen Forschungsinstitutionen werden in der Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer deutlich umfangreichere vorangetrieben. „Aber wir sind sozusagen in die Tiefe gegangen“, erläutert Ebenbichler. Das reicht von der detaillierten Anamnese über den bisherigen Gewichtsverlauf zu aktuellen Medikamenten und Komplikationen im Zusammenhang mit der bariatrischen Operation über Folgeeingriffe, Folgeerkrankungen, Begleiterkrankungen sowie eine Blutabnahme mit Bestimmung aller klinisch relevanten Stoffwechselparameter bis zu einer Befragung zur aktuellen Lebensqualität.

Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Drei wesentliche Ergebnisse

Nach zehn Jahren und 173 untersuchten Personen konnte gezeigt werden, dass

zum einen die Wandstärke der Halsgefäße stabil bleibt. Die Wandstärke gibt Auskunft über das Risiko an Herz-Gefäßkrankheiten (Herzinfarkt, Schlaganfall und Atherosklerose) zu erkranken oder zu versterben. Mit steigendem Alter, Übergewicht, Rauchen und einem ungesunden Lebensstil nimmt die Dicke der Gefäßwand zu und erhöht das Risiko. Durch bariatrische Eingriffe wird die „natürliche“ Verschlechterung effektiv aufgehalten und das Risiko der Gefäßerkrankung verringert.

Zudem schützen bariatrische Eingriffe das menschliche Erbgut. Bei jeder Zellteilung legen sich Telomere schützend um das Ende des Erbguts und schützen es davor, abgeschnitten zu werden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Telomerlänge ab, ein Prozess, der durch einen bariatrischen Eingriff umgekehrt wird.

Und schließlich sinkt die Konzentration des Proteins PCSK-9 wodurch auf der Oberfläche der Leberzellen wieder mehr Andockstellen für Blutfett vorhanden sind. Nach einer bariatrischen Operation sinkt die Konzentration des Proteins parallel mit dem Körpergewicht. Im Gegenzug steigt die Fähigkeit der Leber mitunter schädliches Blutfett (welches zu Gefäßerkrankungen führen kann) aufzunehmen und zu verarbeiten.

Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren

 „Die positiven Wirkungen sind tatsächlich umfassend – aber sie gehen auf die Gewichtsreduktion zurück“, betont Ebenbichler. Und die muss, nach der Operation, gesichert werden. „Kritisch sind die ersten eineinhalb Jahre, in denen weniger gegessen wird, in denen die Nahrungsaufnahme umgestellt wird ebenso wie die Lebensgewohnheiten, und in denen andere Medikamente eingenommen werden. Ein Zeitraum, der im Sinne des Wortes einschneidend ist“, führt der Mediziner aus. Nicht wenige Patientinnen und Patienten scheuen aus diesem Grund vor dem Eingriff zurück. Und dies, trotzdem die Krankenkasse „großzügig übernimmt“ so Ebenbichler. Es rechnet sich für die Kasse, erklärt er, „nach zwei Jahren ist die Investition der Kasse kosteneffektiv“. (fvk)

Dieser Artikel ist am 15.05.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Bakterien, Totholz und der Klimawandel

„Die Fülle an Mikroorganismen im Totholz war überraschend“, sagt Mikrobiologin Judith Ascher-Jenull. Dass sie im Boden höchst zahlreich vertreten sind, ist hinlänglich bekannt. Bei Holz freilich, bei jenem abgestorbenen Holz, welches in den Wäldern liegt und langsam vor sich hin morscht und modert, ging die Forschung bis dato in erster Linie von Pilzen als den Treibern der Zersetzung aus.

Totholz im herbstlichen Lärchenwald © Franz Kovac/Bundesforste

Totholz im herbstlichen Lärchenwald © Franz Kovac/Bundesforste

Die Ergebnisse des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Klimagesteuerte Abbaudynamik von Totholz auf alpinen Böden“ sprechen indes eine andere Sprache. Was sich herauskristallisiert, ist ein synergistisches Zusammenspiel zwischen Pilzen, Bakterien und auch Archaeen. „Dieses Forschungsergebnis ist ein Grundstein für künftige Studien über die Wechselwirkungen zwischen Pilzen und Bakterien im Totholz und deren Auswirkungen auf die Bodenkohlenstoffbilanz und damit auf die Produktivität der Wälder“, erläutert Projektleiter Heribert Insam vom Institut für Mikrobiologie der Universität Innsbruck.

Mikrobielle Gemeinschaften untersuchen

Dass Wälder eine wichtige Rolle in der Speicherung von Kohlenstoff spielen, also eine eminent wichtige Position im Zusammenhang mit dem globalen Klimawandel einnehmen, ist Allgemeinwissen. Dabei speichern nicht nur die Bäume Kohlenstoff, auch der Waldboden speichert ihn. Dennoch sind viele Funktionsweisen des Kohlenstoff-Kreislaufs nach wie vor weitgehend unbekannt.

1000jährige Eibe © Franz Kovacs/Bundesforste

1000jährige Eibe © Franz Kovacs/Bundesforste

„Uns geht es darum, das System zu verstehen“, erklärt Insam. Das ist wichtig, der Grund liegt auf der Hand: „Wälder zählen zu den globalen Pools von Kohlenstoff, der entweder im Boden oder in der Biomasse gebunden sein kann oder eben in der Atmosphäre zu finden ist. Die Frage, die sich nun stellt, ist, wie beeinflusst das sich ändernde Klima den Abbau?“, führt der Mikrobiologe weiter aus.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Innsbrucker im Rahmen des internationalen DecAlp-Projekts gemeinsam mit Geologen, Dendrochronologen (Holzalterbestimmung) und Modellierern im Val di Rabbi gearbeitet. Dort, im italienischen Trentino, auf zehn Forschungsflächen zwischen 1.200 und 2.400 Meter Seehöhe und sowohl nord- wie südexponierten Hängen, wurden entlang ausgewählter Klimasequenzen Struktur und Funktion mikrobieller Gemeinschaften untersucht. Insam und seine Gruppe, bestehend aus Judith Ascher-Jenull, María Gómez-Brandón und Tommaso Bardelli, setzen dabei neueste Techniken und Technologien ein. „Totholzforschung ist seit Jahrzehnten Thema, was passiert im Holz, was passiert unter dem Holz. Aber erst durch molekulare Methoden zur Erfassung der Mikrobiota können wir jetzt Vorgänge bakterieller Art charakterisieren“, so Insam.

Die Temperatur als treibender Faktor

„Die Annahme war“, führt Ascher weiter aus, „dass Pilze beim Abbau von Holz a priori einen Vorteil haben. Wir konnten nun nachweisen, dass stickstofffixierende Bakterien im Totholz aktiv sind und den Pilzen Stickstoff zuführen.“ Eine Verbindung, die auf den Abbau des Holzes und die Speicherung von Kohlenstoff unmittelbar einwirkt. Es sind die Bakterien, die die Pilze gleichsam zu Spitzenleistungen antreiben.

„Wir konnten auch feststellen“, führt Insam fort, „dass der Abbau auf nordexponierten Hängen schneller vor sich geht als bei südexponierten.“ Ein durchaus überraschendes Ergebnis, das die Bedeutung der Feuchtigkeit über die der Temperatur hervorhebt. 

Und was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Klimawandel? Führen höhere Temperaturen mit der verbundenen schlechteren Wasserverfügbarkeit per se zu einem langsameren Abbau, zu weniger Kohlenstoffspeicherung im Boden? „Unsere Studie ist ein Puzzlestein von vielen“, schränkt Insam ein. Die Versuchsanordnung wird nun auch im Apennin angewandt, mit anderen Bäumen, Buchen statt Lärchen, in einem anderen Klima.

Laub- Nadelmischwald © Franz Pritz/Bundesforste

Laub- Nadelmischwald © Franz Pritz/Bundesforste

Schlüsse globalerer Natur wird erst eine Metastudie erlauben, in welche die Ergebnisse aus dem Val di Rabbi, aus dem Apennin, aus anderen Forschungsprojekten einfließen werden.

Fürs Erste bleibt die Erkenntnis, dass Totholz im Wald nicht alleine für das Wohlergehen von Insekten essenziell ist, sondern wohl eine weitaus prägnantere Rolle beim Aufbau von Waldböden und ihrer Funktion als Speicher für Kohlenstoff spielt. – Weswegen es im Wald verbleiben sollte. (fvk)

Dieser Artikel ist am 27.03.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Politik auf dem Spielplan

„Das Interessante ist“, sagt Christian Glanz, „dass ausgerechnet in Wien, in Österreich des 19. Jahrhunderts auf die Oper als Mittel politischer Kommunikation verzichtet worden ist.“ Zu einer Zeit, in der Verdi in Italien und Wagner in Deutschland klangmächtig Visionen beschreiben, herrscht in Wien seltsame schöpferische Stille. Die Hofoper lebt, aber sie schöpft aus dem Repertoire Mozarts, Glucks und der italienischen Komponisten. Und der Kaiser findet ohnedies lediglich am Radetzky-Marsch Gefallen.

Hofoper im Winter 1917                                            ©Hugo Heikenwälder/commons wikimedia.com

Hofoper im Winter 1917                                            ©Hugo Heikenwälder/commons wikimedia.com

Eine politische Geschichte der Oper in Wien 1869 bis 1955“, auf diesen Titel lautet das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt unter der Leitung von Christian Glanz am Institut für Analyse, Theorie und Geschichte der Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst. „Das Jahr 1869 ist in Wien eines der letzten Jahre, in denen die Liberalen die tonangebende politische Kraft waren. Das Ausscheiden aus dem Deutschen Bund ist drei Jahre her, der Ausgleich mit Ungarn zwei Jahre. Und bis zu Börsenkrach und Cholera sind es noch vier Jahre hin“ schildert Glanz den Ausgangspunkt. Vor allem ist 1869 das Jahr, in dem die Hofoper etabliert wird.

„Die Grundannahme war“, so Glanz, „dass sich gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen auch in der Institution spiegeln.“ Die Oper als Seismograph, sozusagen. „Wobei wir klar festhalten müssen, dass es hier keine Push-and-Pull-Situation gibt“, fügt Glanz hinzu. Nicht jedes politische Ereignis hat unmittelbar Auswirkungen auf das Haus am Ring. Viel öfter sind es Mentalitäten, die sich festhalten lassen, Entwicklungen im Vorfeld politischer Ereignisse. Textänderungen, um ein Werk doch zur Aufführung zu bringen. Versuche, im Hintergrund Einfluss auszuüben, am deutlichsten anhand der illegalen nationalsozialistischen Betriebszellen in den 30-er Jahren zu sehen.

In fünf Phasen unterteilt untersucht das Projekt die „Ringstraßenkultur“ der 1870er Jahre, das Jahr 1897, die Oper der Ersten Republik, in Zeiten der Diktatur sowie die Entnazifizierung und den Wiederaufbau. Und jeweils die Wechselwirkungen zwischen Alltagsgeschehen und Aufführungen anhand ausgesuchter Beispiele. „Die zweite Phase war ursprünglich auf den Zeitraum zwischen 1892 mit der Wiener Musik- und Theaterausstellung und dem Jahr 1907 und der Einführung des Allgemeinen Wahlrechts für Männer gedacht“, schildert Glanz. Eine im Sinne des Wortes dichte Zeit. So dicht an zentralen Ereignissen und Materialien, dass dieser Abschnitt auf eine Aufführung und ein einziges Jahr fokussiert.

Karrikatur zur Badenikrise 1897            © Gustav Brandt/Kladderatatsch/commons wikimedia.com

Karrikatur zur Badenikrise 1897            © Gustav Brandt/Kladderatatsch/commons wikimedia.com

1897 ist dichtgepackt: Karl Lueger wird Bürgermeister von Wien und mit ihm etablieren sich Massenparteien und Populismus pur; „Alt-Wien“ wird gegen „Neu-Wien“ in Stellung gebracht; die autochthone Wiener „Kultur von Grund“ wird als Antithese zur höfischen Hochkultur propagiert; im Reichsrat bringt Ministerpräsident Kasimir Felix Badeni seine Sprachverordnungen für Böhmen und Mähren ein was prompt zu Straßenschlachten sowie zu einer Staatskrise führt und – Gustav Mahler wird zum Hofoperndirektor berufen.

Der nun setzt als seine erste Premiere am 4. Oktober 1897, des Kaisers Namenstag, Friedrich SmetanasDalibor“ aufs Programm. Ein Stück, dessen Protagonist sich gegen König, Adel und Polen stellt und die Bauern unterstützt. Künstlerisch ein Erfolg und von der Kritik wohlwollend aufgenommen, politisch eine Erregung. Medial getragen und verbreitet durch das „Deutsche Volksblatt“, die „Deutsche Zeitung“ und die „Reichswehr“, die darin eine „Versklavung der Hofoper“ erkennen will. Tamara Ehs, die im Bericht das „Schlüsseljahr 1897“ behandelt, hält fest: „Sollte es (Dalibor) ein politischer Akt gewesen sein, so nahm sich Mahler kurz darauf jedoch wieder zurück; denn er hatte zu Saisonbeginn auch die Aufführung von Smetanas ,Libuse‘ angekündigt, aufgrund der entstandenen Polemik und Angriffe schließlich aber nicht verwirklicht.“

Es ist die Hofoper, auch unter Mahlers Leitung, eben eine Hofoper. Finanziert aus der Privatschatulle des Kaisers, mehr Ornament als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die verlagert sich auf andere Felder. Dennoch erwächst ausgerechnet diesem kaiserlichen Schmuckstück in der Ersten Republik eine neue Aufgabe. Nunmehr als Staatsoper bezeichnet, soll sie getragen durch einen überparteilichen Konsens von der Weltgeltung Wiens und Österreichs in allen Belangen der Musik künden. Daran ändern auch tagespolitische Erregungen um das Ballett „Schlagobers“ und „Jonny spielt auf“ nichts. Vielmehr erweitert die Oper ihren Raum, indem sie eine Partnerschaft mit den Salzburger Festspielen eingeht – und es den wechselnden Bundesregierungen bis in die Zeit des Austrofaschismus ermöglicht, Salzburg gleichsam an die Kandare Österreichs zu nehmen. Kontrolle zu bewahren.

„Interessant ist auch wie die Oper nach 1945 positioniert wurde“, meint Glanz. „Der Wiederaufbau des Gebäudes wurde von offizieller Seite mit dem Wiederaufbau Österreichs gleichgesetzt. In den USA wurden Gelder dafür mit dem Argument, dass sie Österreich von Deutschland abgrenze, eingeworben.“ Die Oper als symbolbeladenes Ornament. Die Ergebnisse des Projektes, so Glanz, werden 2019 in ein Buch zum 150-Jahr-Jubiläum der Staatsoper einfließen. Damit sie in Zeit und Gesellschaft verortet werden kann. (fvk)

 

Dieser Artikel ist am 20.02.2017 auf der FWF-Plattform Scilog erschienen.

Die Grammatik der Bewegung

Es ist die Sprache, die Homo sapiens vom Tier unterscheidet. Ein komplex aufgebautes System, in welchem sich kleinere zu größeren Einheiten verbinden, zu Sätzen, zu Aussagen. Sie wird gesprochen, sie wird geschrieben – und sie wird gebärdet. „In der Gebärdensprache“, sagt Franz Dotter, „finden wir alle Erscheinungen, die wir aus gesprochenen Sprachen kennen, eben nur visuell ausgedrückt.“ Sie ist kein Hilfskonstrukt, vielmehr eine vollwertige Sprache, ein Mittel der Kommunikation.

Eine vollwertige Sprache

Eine vollwertige Sprache

Und doch ist sie in manchen Bereichen schlichtweg terra incognita.

Wie, zum Beispiel, wird in Gebärde betont? Wie erfolgen Segmentierung und Strukturierung von Texten, wenn die Instrumente der Tonhöhe, des Stimmfalls, der Lautstärke nicht zur Verfügung stehen? „Durch Pausen“, so Dotter, „durch Pausen und durch bewusste Hinweise (Anzeiger), wie Blinzeln, durch Haltung der Handflächen, durch Bewegungsveränderungen, Blicke, Kopf- und Körperbewegungen.“

Gestik – der Gebärdensprache evolutionärer Nachbar

Das ist der Kern des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Projekts „Segmentation und Strukturierung von Texten in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS)“, welches Franz Dotter  am Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt leitet. Es bestimmt mithilfe zweier Methoden zur Ermittlung und Analyse manuelle und nicht-manuelle Elemente in gebärdeten Texten. „Wir haben ÖGS- Muttersprachlerinnen und Muttersprachler wie auch Personen ohne ÖGS-Kompetenz angewiesen, gebärdete Texte zu segmentieren und die Anzeiger anzugeben.“ Dabei erweist sich, dass gerade Anzeiger, die mit der Hand vollführt werden und auch Pausen, von beiden Gruppen erkannt werden. Von Personen, die der Gebärde nicht mächtig sind, immerhin zu 40 Prozent.

Anzeiger mit der Hand werden verstanden

Anzeiger mit der Hand werden verstanden

Anders verhält es sich bei nicht-manuellen Anzeigern, wie Blicken, Kopf- und Körperbewegung, die fast ausschließlich von der Gruppe der Muttersprachler verstanden werden.

„Gebärdensprachen sind immer schon ein Mittel der Kommunikation gewesen; sogar für hörende Menschen“, so Dotter, „das wissen wir aus Australien wie aus Amerika, wo sie für ein Tabu, für etwas, das nicht in gesprochene Worte gefasst werden durfte, eingesetzt wurde, wie auch zur Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen.“ Die Gestik, welche gesprochene Sprachen begleitet, ist in gewissem Sinn ein evolutionärer „Nachbar“ der Gebärdensprachen: Ihre Hand- und Körperbewegungen sind wie die Mimik als sogenannte „Körpersprache“ allüberall vorhanden. Die spazierenden Finger über dem Handrücken, die dem Gegenüber unauffällig den baldigen Aufbruch andeuten, die Geste des Fingers an den Lippen, das Wischen und Wedeln, das Dirigieren, welches unbewusst mit dem Akt des Sprechens einhergeht.

Gebärdensprache – kein Kunstprodukt

Wie die Gebärdensprache gehörloser Menschen entstanden ist, das entzieht sich exakter Bestimmung, erklärt Dotter. „Sie wird wohl schon lange in Gehörlosengemeinschaften gebraucht worden sein. Ab etwa 1770 beginnt von Frankreich ausgehend die systematische Unterweisung von Gehörlosen in Gebärdensprache. Der Unterricht in ihr ist ein Produkt der Aufklärung – und damals schon mit dem Anspruch verbunden, dass wenn es eine Gebärde aus der Gemeinschaft gibt, man keine neue erfinden braucht.“ Gebärdensprache ist kein Kunstprodukt.

1880 indes erfolgt ein Bruch. Gehörlose sollen sprechen, nicht sich der Gebärdensprache bedienen, fordern die „Oralisten“. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebt sie ihre Renaissance und wird als vollwertige Sprache anerkannt. Mit ein Grund dafür, dass sie in der Öffentlichkeit heute als ein neues Phänomen wahrgenommen wird – und damit auch erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand der Forschung ist. „Es ist hochinteressant, in die Entwicklung einer Sprache Einblick zu nehmen“, kommentiert Dotter diesen Umstand.

Nicht-manuelle Elemente – Kennzeichnung spezieller Informationen

Im Zuge des Projekts kamen Dialoge und Monologe, Kurzgeschichten, Witze, freie Erzählungen, Gedankengänge und Lebensläufe zum Einsatz. Während manuelle Zeichen auch für Sprecher in weiten Bereichen erkenn- und zuordenbar sind, verhält es sich bei nicht-manuellen Grenzsignalen der Sprache deutlich anders. Hier kommen Kopfbewegungen wie Nicken, Kopfschütteln oder Kopfbewegungen nach oben, unten oder seitlich, Bewegungen des Oberkörpers bis hin zu Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, Bewegungen der Augenbrauen, der Wechsel der Blickrichtung und Blinzeln zum Tragen.

Damit können Negation, Konditionalität, hypothetische Gedanken oder Alternativen, temporale oder kausale Beziehungen ausgedrückt werden. Also Bereiche, die in der gesprochen Sprache vor allem durch die Intonation, durch Lautstärke und Stimmlage Betonung (im Sinne des Wortes) erfahren.

Kopfbewegungen als nicht-manuelle Zeichen

Kopfbewegungen als nicht-manuelle Zeichen

Blickrichtung – der Gebärdensprache Grammatik

„Das Team um Andrea Lackner hat die nicht-manuellen Elemente untersucht“, führt Dotter aus, „dazu mussten zum Beispiel erst alle Blickrichtungswechsel verzeichnet werden bevor sie überprüft werden konnten.“ Wo bei Sprechern der Blick bisweilen schweifen kann, ohne dass dem Bedeutung zukommt, kommt dem Blick in der Gebärdensprache die Funktion eines Ankers zu. „Wenn ich ,Haus‘ mit einem Index (einem hinweisenden Zeigewort) im Raum verorte und später in der Unterhaltung dorthin schaue, dann wissen meine Partner immer, dass ich über das Haus spreche“, verdeutlicht Dotter. „Bei Sprechern kann der Blick ein Signal sein, in der Gebärdensprache ist er Bestandteil der Grammatik.“

Der Blick als Bestandteil der Grammatik

Der Blick als Bestandteil der Grammatik

Die Resultate des Projekts sind essenziell für Gebärdensprachgrammatiken und den typologischen Vergleich zwischen Laut- und Gebärdensprachen. Für den Unterricht in ÖGS stellen die Ergebnisse des Projekts somit einen wesentlichen Beitrag dar. Schlusspunkt ist damit noch keiner erreicht. Dotter: „In Gebärdensprachen ist alles drin. Von alltäglichen Gesprächen und konkreten Begriffen bis hin zu Metaphern, Abstraktionen und akademischem Spezialvokabular.“ – Ein weites Feld. (fvk)

Dieser Artikel ist am 23.01.2017 auf der FWF-Plattform Scilog erschienen.

Alle Photos © Andrea Lackner

Wer die Wahl hat ...

Und täglich grüßt das Murmeltier: Wohlfahrtsstaat, Wirtschaft und Integration – diese Themen sind Klassiker österreichischer Wahlauseinandersetzungen. Das waren sie 2008, das waren sie 2013, das werden sie aller Voraussicht nach auch bei den kommenden Nationalratswahlen sein. „Diese Themen, vor allem soziale Gerechtigkeit und Wirtschaft, waren auch schon früher wichtig“, merkt die Politikwissenschafterin Sylvia Kritzinger von der Universität Wien an. – In den 1970er Jahren und zuvor. Und doch hat sich grundlegend etwas geändert.

„Früher wurde klarer entlang ideologischer Muster gewählt, entsprechend der sogenannten ,class cleavages’, wer aus der Arbeiterschaft kam, für den war es im Großen und Ganzen keine Frage, wen er wählen würde. Ebenso wie es für Landwirte und Unternehmer keine Frage war. Wahlausgänge waren viel vorhersehbarer“, so Kritzinger. Seit den 70er Jahren aber lösen sich die strengen Zugehörigkeiten auf. „Das hat mit dem Entstehen der Mittelklasse zu tun, die sich nicht mehr in erster Linie einer Partei und deren Themen zugehörig fühlt, und die damit von Stamm- zu Wechselwählern werden. Für die also Themen und Themengewichtung an Bedeutung für ihr Votum gewinnen.“

Wahlen werden als Hochamt der Demokratie bezeichnet. Sie sind die Zuspitzung der öffentlichen Debatte, sie formen die politische Agenda, sie beeinflussen die Zusammensetzung in Parlamenten und Regierungen. In gewisser Weise gleichen sie einer Fieberkurve der politischen Auseinandersetzung. Hier kommt geballt auf den Tisch, was wichtig ist, was die Menschen bewegt. Sie sind zudem eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der Parteien mitsamt ihren Kandidatinnen und Kandidaten auf derAngebotsseite, Wählerinnen und Wähler auf der Nachfrageseite sowie die Medien als Vermittler in Wechselwirkung zueinander stehen. Dass Wahlen sozialwissenschaftlich analysiert werden, hat in etablierten Demokratien Tradition.

Die Wahlen in dem beschriebenen Beziehungsdreieck zu analysieren, dieser integrierende Ansatz ist indes wissenschaftliches Neuland, welches die Österreichische Nationale Wahlstudie (Austrian National Election Study – AUTNES) mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF betreten hat.

„Unsere Forschung zeigt, dass die Wichtigkeit des Themas mehr und mehr die Wahl der Partei beeinflusst“, erläutert Kritzinger, die als Leiterin des Projektteils „Wahlverhalten“ in dem FWF-Projekt fungiert.

Für die Wählerinnen und Wähler ist das nicht notwendigerweise ein einfacher Prozess. „Es kann Menschen geben, für die beispielsweise das Thema der Arbeitsplatzsicherung wichtig ist. Die dieses Feld wiederum mit Migration in Verbindung setzen, mit einem erhöhten Druck durch Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt“, schildert Kritzinger. In diesem Fall komme es dann darauf an, welches Thema aus Sicht der Person gewichtiger ist. „Cross pressured vote“ nennt die Fachliteratur dieses Phänomen, in welchem sich Wählerinnen und Wähler für ein Thema entscheiden müssen.

„Aus diesem Grund streben Parteien danach, ,Issue Owner‘ zu werden, das heißt, die höchste Kompetenz in einem bestimmten Bereich zu besitzen. So sehr, dass ihnen keine andere Partei gefährlich werden kann. Sie können dazu auch neue Themen erschließen und besetzen, dann werden sie als ,Issue Entrepreneurs‘ bezeichnet, was, Erfolg vorausgesetzt, wiederum mit der höchsten Glaubwürdigkeit einhergeht“, so Kritzinger.  Den politischen Konkurrenten bleibt dann nicht viel mehr, als zu reagieren. – Ein strategischer Nachteil.

„Es verhält sich wie bei Unternehmen, wer mit einem Produkt zuerst am Markt ist, der dominiert“, zieht Kritzinger einen Vergleich mit der Wirtschaft. Und wie bei Unternehmen können Marktlücken entstehen. „Durch die Koalition mit der SPD hat die CDU ihre rechte Flanke geöffnet, da sie strategisch linke Positionen besetzt hat“, wirft die Wissenschafterin einen Blick ins benachbarte Ausland. „Dadurch ergab sich für die AfD die Möglichkeit, bestimmte Positionen und Themen zu besetzen.“

In Österreich, konstatiert sie, sei momentan zu sehen, wie Themen reaktiviert werden. In diesem Fall durch die SPÖ, die durch die neue Parteispitze offensiv traditionelle Positionen wieder stärker besetzt, um ihre „Ownership“ bestimmter Themen zu betonen. „Es geht in der Politik um die Kunst des Themen-Settings“, fasst sie zusammen.

Anhand der Daten, die AUTNES seit 2008 zu Nationalrats- und EU-Wahlen erhebt, lassen sich diese Entwicklungen beobachten und in der Tiefe nachvollziehen. „Es ist ein dauerndes Monitoring der Republik und ihrer Gesellschaft, wir können aufzeigen, welche Themen wichtig sind, ob sie von Innen oder von Außen gekommen sind, beispielsweise durch die EU.“ Es können auch regionale Themen sein, die überraschend bei einer Nationalratswahl zum Tragen kommen. „2013 waren es eben Wirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Migration, in Wien wurde aber auch die Mariahilfer Straße als wichtiges Thema wahrgenommen.“ Selbst wenn sie im Parlament nicht verhandelt wurde, präsent war die Einkaufsstraße im Bewusstsein vieler Wählerinnen und Wähler allemal.

So entsteht durch die Arbeit von AUTNES gleichsam ein höchst detailliertes Psychogramm Österreichs und seiner Gesellschaft, ein Profil seiner Entwicklung und Veränderung. „Wir stehen am Beginn eines langfristigen Projekts, durch das es in 20 Jahren oder noch später möglich sein wird, die Frage zu beantworten, wieso sich Einstellungen verändern, wie Themen an Gewicht gewinnen oder verlieren, welche Faktoren welche Rolle spielen.“ (fvk)

Dieser Beitrag erschien am 28.11.16 auf der FWF-Plattform Scilog.

Photos © Parlamentsdirektion/Thomas Topf