Doskozil oder Das Wesentliche im Blick

Es spricht Herr Doszkozil zu einer Zeitung. Er sagt, seine Partei, die sozialdemokratische, mit der, so will es ein Lied, die neue Zeit ziehe, diese Partei dürfe sich nicht auf einen grünen Fundikurs begeben und dem Klimawandel und seinen Folgen zu viel Raum einräumen. Denn die Frage unserer Zeit, meint Hans Peter Doskozil, das sei die Frage der Migration.

 Die Zukunft vor Augen und Angst im Gemüt? ©Alexandra Gorn / unsplash.com

Die Zukunft vor Augen und Angst im Gemüt?
©Alexandra Gorn / unsplash.com

Vier Seiten widmet seine Partei dem Klimawandel in ihrem neuen Parteiprogramm. Drei der Migration – an denen hat Herr Doskozil mitgearbeitet. Viel ist ihm wohl nicht eingefallen. Aber das ist polemisch.

Statt dessen ein Blick auf Fakten:

Die Menschheit sieht sich gegenwärtig drei großen Themen gegenüber, die, jedes für sich genommen, ein neues Zeitalter einläuten könnten. Die, in der Parallelität ihres Auftretens und Wirksamwerdens, tatsächlich ein neues Zeitalter einläuten. Klimawandel, Digitalisierung und Gentechnik stellen im Grunde genommen alles in Frage, was wir, was die Menschheit bisher als sicher und gegeben genommen hat.

Der Klimawandel findet statt. Dass er zu einem Gutteil durch den Menschen und seine Industrien, seinen Lebenswandel mitgetragen wird, das steht außer Frage. Ihn zu stoppen, das gelingt nicht mehr. Was noch getan werden kann, ist ihn einzuhegen. Resilienz zu entwickeln.

Die Digitalisierung ist mehr als nur Industrie 4.0, Alexa, Siri und autonome Fahrzeuge. Sie kann das Wissen und Zusammenwirken der Menschen auf diesem Globus grundlegend verändern. Sie kann freilich auch im Gegenteil das selbstständige Denken minimieren.

Und die Gentechnik schließlich ermöglicht uns nicht nur neue Therapien und präzisere Züchtungen, sie verschafft uns einen radikal neuen Blick auf uns als Menschen.

 Neue Blickwinkel tauchen auf. © Manuel Meurisse / unsplash.com

Neue Blickwinkel tauchen auf.
© Manuel Meurisse / unsplash.com

Das ist nichts Neues. Das ist schon bekannt.

Es liegt vor uns allen ein unermesslich großer Raum der Möglichkeiten. Und was noch besser ist, wir verfügen über das Wissen, die Techniken und Technologien, über Mittel und Wege, die Möglichkeiten zu nutzen. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren uns so viele, so gute und so wirksame Instrumente gegeben, unsere Zukunft maßgeblich zu gestalten, wie heute.

Freilich, es wird eine andere Welt sein als jene, in der wir derzeit leben, als jene, an die wir uns erinnern (oder zu erinnern vermeinen).

Mehr noch, ein neues Kapitel aufzuschlagen, erfordert Mut.

Noch mehr Mut, wenn diese Möglichkeiten wohl erahnt und wahrgenommen, indes auf breiter Front ignoriert werden. Als sie die bestehende Ordnung der Dinge in Frage stellen.

Die bestehende Ordnung der Dinge wird auch durch die Migration in Frage gestellt. Sie ist ein Faktum. Sie findet statt. Sie wird immer und immer wieder Wege finden, die Zäune, Gräben, Mauern und Barrieren zu überwinden, die gegen sie in die Landschaften und in die Köpfe der Menschen gesetzt werden.

 Migranten sind sichtbar. Klimawandel, Digitalisierung und Genetik kaum. © Pierrick van Troost / unsplash.com

Migranten sind sichtbar. Klimawandel, Digitalisierung und Genetik kaum.
© Pierrick van Troost / unsplash.com

Die Migration und ihre höchst emotionale Wahrnehmung, sie lenken ab, von den drei wirklich großen Themen. Sie stellt sie gleichsam in den Schatten, wo sie vermeintlich noch ein wenig länger ignoriert werden können. Jeder Migrant, jede Migrantin ist sichtbar, hat ein Gesicht, ist identifizierbar. Ganz im Gegensatz zu Klimawandel, Digitalisierung und genetischer Modifikation. Diese drei verbleiben immer noch – all ihrer Allgegenwart zum Trotz – gesichtslos.

Nicht die Migranten. Sie sind greifbar. Sie werden solcherart einfach und schnell und weil es unserem kurzem Denken entgegenkommt zu Sündenböcken. Verknüpft mit dem (unausgesprochenen) Versprechen, wären sie gebannt, würde alles wieder so wie es einmal gewesen war.

Damit lässt sich Politik machen. Damit wird Politik gemacht. In Washington DC ebenso wie in Großbritannien, in Rom wie im Berliner Bundestag, in Österreich wie in Eisenstadt. Was Wahlerfolge betrifft, erfolgreich. Kurzfristig.

Es spricht Herr Kabat zu einer Zeitung. Und Pavel Kabat, Klimaexperte und bis 1. September noch Generaldirektor des Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA), hat in der „Wiener Zeitung“ in Belangen des Klimawandels eine gute Botschaft zu verkünden: „Aber sicher ist es noch nicht zu spät. Und es gibt ein ungeheures Potential für Innovationen. Wir haben die Gelegenheit, etwas wie 1850 in Manchester zu wiederholen und eine neue Industrierevolution zu starten hin zur CO2-freien Produktion. Wir müssen uns nur von den Bedrohungsszenarien abwenden und uns Boom-Szenarien zuwenden: Der Klimawandel ist ein tolles Geschäft, wir könnten reich werden. Die Lösungen gibt es schon.“

Kabat und das IIASA weisen seit Jahren auf alle diese Möglichkeiten hin. Sie liefern der Politik eine neue, eine große, eine durchaus optimistische Erzählung. Wenn die Politik sie denn nur aufgriffe.

Es mag sein, dass konservative Parteien mit einer so ganz und gar anderen Zukunft ihre Probleme haben; es ist sicher so, dass Parteien, deren Sinn und Zweck vor allem darin besteht, die Emotionen des „Wir gegen sie“ zu schüren, sich ihr Geschäft davon nicht stören lassen wollen. Wenn freilich Sozialdemokraten und Liberalen, denen an sich mehr Zukunftszugewandtheit zugeschrieben wird, Kabats Optimismus in Belangen Klimawandel, oder jenen eines Giulio Superti-Furga vom CeMM in Sachen Genetik, oder die grandiosen Szenarien eines Jeffrey Schnapp vom metLAB at Harvard in Belangen der Digital Humanities nicht nur nicht geläufig sind, sondern sie als unwesentlich angesichts der Migration abtun, dann schaffen sie sich ab.

 Mit wem zieht die neue Zeit? © Chris Roe / unsplash.com

Mit wem zieht die neue Zeit?
© Chris Roe / unsplash.com

Wesentlich ist nicht notwendigerweise die momentan herrschende Schlagzeile, wesentlich ist es, Themen zu erkennen, sie zu besetzen und zu argumentieren. Zumal, wenn sie so grundlegende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, wie eben dieser Dreiklang. Das ist der Wettstreit der Ideen und Visionen.

Herr Doskozil freilich hat eine Wahl vor sich, im Burgenland. Da will er nicht stören. Er will sich nur ein wenig profilieren. Die neue Zeit, mit ihm zieht sie nicht. So nicht. (fksk)

Intergeschlechtlichkeit: Jenseits der Norm

„Ich schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.“ Das sagt, das schreibt die deutsche Autorin Ulrike Draesner über sich und ihre Arbeit. In einem ihrer Werke, in „Mitgift“, setzt sie sich mit einem Thema auseinander, welches „nicht sprechbar scheint“. Mit Intergeschlechtlichkeit.

„Eine Familiengeschichte“, erläutert Susanne Hochreiter. „Eine Familiengeschichte, die sich entlang von Abscheu und Faszination entwickelt.“ Abscheu vor dem uneindeutigen Monster, nicht Mann, nicht Frau, welches die Eltern da in die Welt gesetzt haben. Faszination ob der puren Schönheit dieses Wesens. Und am Ende steht der Tod.

 Es ist die Unentschiedenheit, die fasziniert.  © Chris Barbalis / unsplash.com

Es ist die Unentschiedenheit, die fasziniert.

© Chris Barbalis / unsplash.com

Das sei ein häufiger Topos, erklärt Hochreiter: „Die Beschreibung des Hermaphroditen als engelsgleiches Wesen, das dann doch nicht leben darf.“ Dem dritten Geschlecht ist in der Literatur, zumal in der deutschsprachigen, kein Glück, kein gutes Leben beschieden. Insofern spiegelt die Literatur die Realität. Denn, Personen, die mit anatomischen Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter geboren werden, werden zumeist noch im Kleinkindalter chirurgisch „vereindeutigt“, führt Hochreiter aus, in eine korrekte Männlichkeit oder Weiblichkeit. Sie werden passend gemacht.

Engel, Monster, Opfer-Täter

Mit Unterstützung durch den Wissenschaftsfonds FWF untersuchte die Germanistin auf Initiative von und in Zusammenarbeit mit Institutskollegin Angelika Baier Darstellung, Umgang und Rezeption von Intergeschlechtlichkeit in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1990 und 2010. Das Projekt „Diskursverhandlungen in Literatur über Hermaphroditismus“ wurde aufgrund der Tatsache, dass seit 2010 mehr Werke zum Thema publiziert werden, bis 2015 verlängert.

 Ein weites Feld der Indifferenz.  © Marten Newhall / unsplash.com

Ein weites Feld der Indifferenz.

© Marten Newhall / unsplash.com

Verortet wird Intergeschlechtlichkeit im Rahmen fünf verschiedener Motiv- und Bildkomplexe: In (fiktionalen) autobiografisch orientierten Texten; in Texten im Familienrahmen; in Kriminalromanen; in Romanen, die Hermaphroditen als übermenschliche Engel und in Texten, die Intergeschlechtlichkeit über groteske Körperdarstellungen thematisieren. - Ein weites Feld der Indifferenz.

Selbstverständlich, meint die Germanistin, eignet sich diese Uneindeutigkeit optimal für die Kriminalliteratur. „Es ist ein exotisches Motiv, es ist die Unentschiedenheit, die fasziniert“, stellt Hochreiter fest. Womit die betroffenen Personen dann doch auch wieder in ein Eck gestellt werden. „Wir haben keine soziale Funktion für Menschen, die dazwischen stehen“, konstatiert die Projektleiterin.

Wechselspiel der Identitäten

Nicht immer war der Umgang so unsicher. Nicht in der Literatur und, teilweise wenigstens, wohl auch nicht im Leben. Noch im Barock werden Identitäten geradezu spielerisch getauscht. „In Grimmelshausens ,Simplicius Simplicissimus‘ wechselt der Protagonist schlicht die Kleidung und damit scheinbar das Geschlecht und amüsiert sich“, erinnert Hochreiter.

Wie überhaupt das Wechselspiel der Identitäten in der Zeit vor dem Siegeszug des Rationalismus ein durchaus übliches Spiel war. Nicht nur auf der Bühne. Auch im Leben. „Es gab, das ist verbrieft, Frauen, die sich als Soldaten kleideten, die Soldaten wurden. So wie im Fall Rosenstengel“, erzählt Hochreiter. Aus dem Grund, als Identitäten zu jener Zeit, vor der Aufklärung, vor der französischen Revolution, vor der industriellen Revolution in gewisser Hinsicht lockerer verstanden werden. Zumindest ist das Changieren zwischen den sexuellen Identitäten ein leichteres. Mit der normativen Festlegung auf nur zwei Geschlechter wird der Wechsel zwischen ihnen zur Travestie, zur Komödie, gar zur Clownerie.

Was bleibt, ist die Unsicherheit mit den Zwischentönen. Zumal mit dem dritten Geschlecht. In der Literatur und im Leben. (FKSK)

 

Literatur:  Angelika Baier (2017): Inter_Körper_Text. Erzählweisen von Intergeschlechtlichkeit in deutschsprachiger Literatur. Zaglossus: Wien

Dieser Text ist im Rahmen des scilogs des FWF im Frühjar 2017 erstmals publiziert worden.

Mehr als nur eine Operation

Gewichtsabnahme durch einen operativen Eingriff ist mehr als nur Fettverlust. Es ist der – harte – Start in ein neues Leben, mit einer überraschenden Reihe nachhaltig positiver Effekte. Das belegt eine vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Studie.

 Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Schmeckt gut. Setzt an. © Niklas Rhose/Unsplash

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Nach einem bariatrischen Eingriff (etwa eines Magen-Bypasses) stellen sich langfristig durchwegs positive Ergebnisse ein. Nicht nur in Hinblick auf eine dauerhafte Gewichtsreduktion, sondern auch was die Stabilität der Halsgefäße, das menschliche Erbgut und die Leistungsfähigkeit des Fettstoffwechsels betrifft. Das sind, kurz gefasst, die Ergebnisse der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie „Langzeiteffekte einer Gewichtsabnahme auf Artherosklerose“. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wurden 173 Patientinnen und Patienten vor und nach einer bariatrischen Operation begleitet. „Es zeigt sich“, so Studienleiter Christoph Ebenbichler vom Departement für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck, „dass diese Art von Eingriff höchst erfolgreich und nachhaltig ist.“

Ein Königsweg?

Die Operation als Königsweg zur Gewichtsreduktion? Sozusagen ein Allheilmittel für eine Gesellschaft, die tendenziell mehr und mehr zu Übergewicht neigt? Ebenbichler bremst die Erwartungshaltung ein. „Unsere Patientinnen und Patienten sind allesamt metabolisch Erkrankte.“ Das heißt, es sind Menschen, die an krankhafter Adipositas leiden. An einem Körpergewicht, welches durch Maßnahmen der Diätologie und Bewegung nicht mehr reduziert werden kann. „Es geht hier nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen“, das ist dem Mediziner wichtig. Und schon gar nicht handelt es sich um einen schlichten Eingriff: „Die Operation ist ein zentraler Aspekt, die Ernährungsumstellung, die Therapie danach, die sich teilweise über Jahre zieht, sind ebenso wichtig.“ Es ist also ein Prozess, der den Betroffenen vieles, sehr vieles abverlangt. Physisch wie psychisch.

 Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Es geht nicht um den durchschnittlichen Übergewichtigen. © Jennifer Burk/Unsplash

Am Beginn der Studie stand die ebenso simple wie wichtige Frage nach den Voraussetzungen, um einen derartigen Eingriff zu unternehmen. Seit 1994 werden in Innsbruck bariatrische Operationen durchgeführt, mit den Erfahrungen stiegen auch die Anforderungen. Es stiegen auch die Erkenntnisse. „Professor Herbert Tilg hat 2001 ein Projekt über die Leberverfettung gestartet, damit haben die intensiven Untersuchungen begonnen“, erinnert sich Ebenbichler.

Die Qualität der Tiefenuntersuchung

Die Innsbrucker Studie ist nicht die größte in Europa. In anderen Ländern, an anderen Forschungsinstitutionen werden in der Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer deutlich umfangreichere vorangetrieben. „Aber wir sind sozusagen in die Tiefe gegangen“, erläutert Ebenbichler. Das reicht von der detaillierten Anamnese über den bisherigen Gewichtsverlauf zu aktuellen Medikamenten und Komplikationen im Zusammenhang mit der bariatrischen Operation über Folgeeingriffe, Folgeerkrankungen, Begleiterkrankungen sowie eine Blutabnahme mit Bestimmung aller klinisch relevanten Stoffwechselparameter bis zu einer Befragung zur aktuellen Lebensqualität.

 Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Eine Studie, die in die Tiefe geht. © the digital marketing corporation/Unsplash

Drei wesentliche Ergebnisse

Nach zehn Jahren und 173 untersuchten Personen konnte gezeigt werden, dass

zum einen die Wandstärke der Halsgefäße stabil bleibt. Die Wandstärke gibt Auskunft über das Risiko an Herz-Gefäßkrankheiten (Herzinfarkt, Schlaganfall und Atherosklerose) zu erkranken oder zu versterben. Mit steigendem Alter, Übergewicht, Rauchen und einem ungesunden Lebensstil nimmt die Dicke der Gefäßwand zu und erhöht das Risiko. Durch bariatrische Eingriffe wird die „natürliche“ Verschlechterung effektiv aufgehalten und das Risiko der Gefäßerkrankung verringert.

Zudem schützen bariatrische Eingriffe das menschliche Erbgut. Bei jeder Zellteilung legen sich Telomere schützend um das Ende des Erbguts und schützen es davor, abgeschnitten zu werden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Telomerlänge ab, ein Prozess, der durch einen bariatrischen Eingriff umgekehrt wird.

Und schließlich sinkt die Konzentration des Proteins PCSK-9 wodurch auf der Oberfläche der Leberzellen wieder mehr Andockstellen für Blutfett vorhanden sind. Nach einer bariatrischen Operation sinkt die Konzentration des Proteins parallel mit dem Körpergewicht. Im Gegenzug steigt die Fähigkeit der Leber mitunter schädliches Blutfett (welches zu Gefäßerkrankungen führen kann) aufzunehmen und zu verarbeiten.

 Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren. © Crew/Unsplash

Kosteneffektiv nach zwei Jahren

 „Die positiven Wirkungen sind tatsächlich umfassend – aber sie gehen auf die Gewichtsreduktion zurück“, betont Ebenbichler. Und die muss, nach der Operation, gesichert werden. „Kritisch sind die ersten eineinhalb Jahre, in denen weniger gegessen wird, in denen die Nahrungsaufnahme umgestellt wird ebenso wie die Lebensgewohnheiten, und in denen andere Medikamente eingenommen werden. Ein Zeitraum, der im Sinne des Wortes einschneidend ist“, führt der Mediziner aus. Nicht wenige Patientinnen und Patienten scheuen aus diesem Grund vor dem Eingriff zurück. Und dies, trotzdem die Krankenkasse „großzügig übernimmt“ so Ebenbichler. Es rechnet sich für die Kasse, erklärt er, „nach zwei Jahren ist die Investition der Kasse kosteneffektiv“. (fvk)

Dieser Artikel ist am 15.05.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Binnenmarkt der Interessensgruppen

Brüssel steht für europäische Bürokratie, Politikelite und mächtigen Wirtschaftslobbyismus, so die landläufige Meinung. „Stimmt so nicht“, sagt Andreas Dür, Professor für Internationale Politik an der Universität Salzburg, „denn der Einfluss der klassischen Lobbyisten, der wirtschaftsnahen Gruppen, ist in Brüssel weit geringer als angenommen.“

 Auch eine Art von Lobbying (hier in den USA) © Alice Donovan/Unsplash

Auch eine Art von Lobbying (hier in den USA) © Alice Donovan/Unsplash

Das überrascht, doch Dür erklärt: „Die Daten sind plausibel. Wir haben erstmals in einem internationalen Team systematisch Daten zu 70 Gesetzesvorschläge der Europäischen Kommission sowie zu mehr als 1.000 Interessensgruppen zusammengetragen und untersucht.“ Was es bisher an Arbeiten zu diesem Themenkomplex gab, das waren Fallstudien. Mit dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Der Einfluss von Interessensgruppen in der EU (INTEREURO)“ liegt erstmals eine umfassende Erhebung des emotional besetzen Themas vor, und die Resultate sind eindeutig.

Überschätzter Einfluss

„Wir haben Präferenzen der Interessensgruppen erhoben, also zum Beispiel untersucht, ob eine Gruppe die Einführung einer EU-weiten Verordnung zu Busfahrgastrechten unterstützt, und haben diese mit dem Ergebnis des Gesetzgebungsverfahrens verglichen“, führt Dür aus. Dabei hat das Forscherteam festgestellt, dass die Wirtschaftsgruppen bei ihrem Versuch, die Entscheidungsfindung in der EU zu beeinflussen, weit weniger erfolgreich sind, als erwartet wurde. Sie seien sogar weniger erfolgreich als zivilgesellschaftliche Gruppen, die breite Interessen wie Umwelt- oder Konsumentenschutz verfolgen.

Das hat laut Dür seine Gründe in der gegenwärtigen Phase der europäischen Integration. „Bis in die 90er-Jahre ging es innerhalb der Gemeinschaft vorrangig um die Etablierung des Binnenmarktes. Dieses Ziel hatte absolute Priorität. Jetzt ist es erreicht.“ Womit sich für Institutionen wie die Kommission aber auch das Parlament die Frage stelle, woraus sie weiterhin Autorität beziehen können. Nationale Regierungen können zu diesem Zweck Gelder umverteilen, diese Möglichkeit steht der EU-Kommission und dem Parlament nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Ihr Ansatz ist es daher, auf spürbare Bereiche wie den Umweltschutz oder Verbraucherschutz zu fokussieren.

Regulierungsmöglichkeiten

„Nehmen wir das Beispiel der Abschaffung der Roaming-Gebühren“, so Dür. „Da gab und gibt es massiven Widerstand seitens der Telekommunikationskonzerne. Und auch wenn dieser Widerstand den Prozess gebremst und verzögert hat, er hat ihn im Endeffekt nicht gestoppt.“ Ein geradezu klassisches Beispiel, in dem die EU-Kommission sich auf Seiten der Konsumentinnen und Konsumenten stellte. Das sei kein Einzelfall, betont Dür, ähnlich verhalte es sich mit den Themen Finanzdienstleitungen oder Datenschutz. „Das sind Bereiche, in denen die Institution beweisen kann, dass sie einen Sinn und einen Zweck hat: Sie ist konsumentenfreundlich, umweltfreundlich und weitet gleichzeitig ihre Regulierungsmöglichkeiten aus.“

 Interessensgruppen bei der Arbeit? © European Communities 2004/Source EC Audiovisual Services

Interessensgruppen bei der Arbeit? © European Communities 2004/Source EC Audiovisual Services

Lobbying mit Emotion

Ihre gleichsam natürlichen Verbündeten sind dabei nun Verbraucherschutzorganisationen und Umweltschutzorganisationen. Jene Interessensgruppen, die als klassische Gegenspieler der wirtschaftsnahen Lobbys gelten, die dabei doch selbst nichts anderes als Lobbyisten sind.

„Es mobilisieren diese Interessensgruppen auch anders als die wirtschaftsnahen. Sie setzen durchaus auf Emotion, sie treten als Opposition auf, sie lancieren Kampagnen in der Öffentlichkeit, wie im Zusammenhang mit ACTA, TTIP und CETA.“ Ist Brüssel gar ein verkappter Hort der Zivilgesellschaft und der NGOs?

„Ganz und gar nicht“, erläutert Dür. Die Wirtschaftsinteressen seien in Brüssel immer noch sehr viel präsenter als alle anderen. Aber sie seien nicht mehr unbedingt die erfolgreicheren. Sie würden sich vielmehr einer sehr erfolgreichen Konkurrenz gegenüber sehen.

Aus all dem erwächst laut dem Politikwissenschaftler etwas Neues. „Was wir im Ergebnis sehen, ist eine Politisierung der Europäischen Union. Wir erleben den Widerstreit der Interessen deutlicher als zuvor.“ Was es nun noch braucht, das wäre ein verpflichtendes Lobbyingregister wie in den USA. Debattiert wird es, umgesetzt ist es noch nicht. Das wäre auch für die Wirtschaftsgruppen gut, denn sie könnten damit klar darlegen, was sie erreichen – und was nicht. Es wäre ein Schritt zu mehr Transparenz, so die Expertenmeinung. (fvk)

 

Dieser Artikel ist am 24.04.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Bakterien, Totholz und der Klimawandel

„Die Fülle an Mikroorganismen im Totholz war überraschend“, sagt Mikrobiologin Judith Ascher-Jenull. Dass sie im Boden höchst zahlreich vertreten sind, ist hinlänglich bekannt. Bei Holz freilich, bei jenem abgestorbenen Holz, welches in den Wäldern liegt und langsam vor sich hin morscht und modert, ging die Forschung bis dato in erster Linie von Pilzen als den Treibern der Zersetzung aus.

 Totholz im herbstlichen Lärchenwald © Franz Kovac/Bundesforste

Totholz im herbstlichen Lärchenwald © Franz Kovac/Bundesforste

Die Ergebnisse des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Klimagesteuerte Abbaudynamik von Totholz auf alpinen Böden“ sprechen indes eine andere Sprache. Was sich herauskristallisiert, ist ein synergistisches Zusammenspiel zwischen Pilzen, Bakterien und auch Archaeen. „Dieses Forschungsergebnis ist ein Grundstein für künftige Studien über die Wechselwirkungen zwischen Pilzen und Bakterien im Totholz und deren Auswirkungen auf die Bodenkohlenstoffbilanz und damit auf die Produktivität der Wälder“, erläutert Projektleiter Heribert Insam vom Institut für Mikrobiologie der Universität Innsbruck.

Mikrobielle Gemeinschaften untersuchen

Dass Wälder eine wichtige Rolle in der Speicherung von Kohlenstoff spielen, also eine eminent wichtige Position im Zusammenhang mit dem globalen Klimawandel einnehmen, ist Allgemeinwissen. Dabei speichern nicht nur die Bäume Kohlenstoff, auch der Waldboden speichert ihn. Dennoch sind viele Funktionsweisen des Kohlenstoff-Kreislaufs nach wie vor weitgehend unbekannt.

 1000jährige Eibe © Franz Kovacs/Bundesforste

1000jährige Eibe © Franz Kovacs/Bundesforste

„Uns geht es darum, das System zu verstehen“, erklärt Insam. Das ist wichtig, der Grund liegt auf der Hand: „Wälder zählen zu den globalen Pools von Kohlenstoff, der entweder im Boden oder in der Biomasse gebunden sein kann oder eben in der Atmosphäre zu finden ist. Die Frage, die sich nun stellt, ist, wie beeinflusst das sich ändernde Klima den Abbau?“, führt der Mikrobiologe weiter aus.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Innsbrucker im Rahmen des internationalen DecAlp-Projekts gemeinsam mit Geologen, Dendrochronologen (Holzalterbestimmung) und Modellierern im Val di Rabbi gearbeitet. Dort, im italienischen Trentino, auf zehn Forschungsflächen zwischen 1.200 und 2.400 Meter Seehöhe und sowohl nord- wie südexponierten Hängen, wurden entlang ausgewählter Klimasequenzen Struktur und Funktion mikrobieller Gemeinschaften untersucht. Insam und seine Gruppe, bestehend aus Judith Ascher-Jenull, María Gómez-Brandón und Tommaso Bardelli, setzen dabei neueste Techniken und Technologien ein. „Totholzforschung ist seit Jahrzehnten Thema, was passiert im Holz, was passiert unter dem Holz. Aber erst durch molekulare Methoden zur Erfassung der Mikrobiota können wir jetzt Vorgänge bakterieller Art charakterisieren“, so Insam.

Die Temperatur als treibender Faktor

„Die Annahme war“, führt Ascher weiter aus, „dass Pilze beim Abbau von Holz a priori einen Vorteil haben. Wir konnten nun nachweisen, dass stickstofffixierende Bakterien im Totholz aktiv sind und den Pilzen Stickstoff zuführen.“ Eine Verbindung, die auf den Abbau des Holzes und die Speicherung von Kohlenstoff unmittelbar einwirkt. Es sind die Bakterien, die die Pilze gleichsam zu Spitzenleistungen antreiben.

„Wir konnten auch feststellen“, führt Insam fort, „dass der Abbau auf nordexponierten Hängen schneller vor sich geht als bei südexponierten.“ Ein durchaus überraschendes Ergebnis, das die Bedeutung der Feuchtigkeit über die der Temperatur hervorhebt. 

Und was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Klimawandel? Führen höhere Temperaturen mit der verbundenen schlechteren Wasserverfügbarkeit per se zu einem langsameren Abbau, zu weniger Kohlenstoffspeicherung im Boden? „Unsere Studie ist ein Puzzlestein von vielen“, schränkt Insam ein. Die Versuchsanordnung wird nun auch im Apennin angewandt, mit anderen Bäumen, Buchen statt Lärchen, in einem anderen Klima.

 Laub- Nadelmischwald © Franz Pritz/Bundesforste

Laub- Nadelmischwald © Franz Pritz/Bundesforste

Schlüsse globalerer Natur wird erst eine Metastudie erlauben, in welche die Ergebnisse aus dem Val di Rabbi, aus dem Apennin, aus anderen Forschungsprojekten einfließen werden.

Fürs Erste bleibt die Erkenntnis, dass Totholz im Wald nicht alleine für das Wohlergehen von Insekten essenziell ist, sondern wohl eine weitaus prägnantere Rolle beim Aufbau von Waldböden und ihrer Funktion als Speicher für Kohlenstoff spielt. – Weswegen es im Wald verbleiben sollte. (fvk)

Dieser Artikel ist am 27.03.2017 auf der FWF-Plattform „Scilog“ erschienen.

Identitäten, Imitate & die Zukunft des Essens

Jetzt also das Brot. Von New York aus soll es seine Renaissance erleben, als Lebensmittel, als Genussmittel, als eines der vielfältigsten und überraschendsten Nahrungsmittel der Welt. Was heißt, der Menschheit und ihrer Geschichte. Die Zukunft, davon ist das Team von Modernist Cuisine überzeugt, die Zukunft gehört dem Brot.

 Die Zukunft: Kraut und Rüben © Ryan Matthew Smith/Modernist Cuisine, LLC

Die Zukunft: Kraut und Rüben © Ryan Matthew Smith/Modernist Cuisine, LLC

„Brot“, sagen Nathan Myhrvold und Francisco Migoya, „ist eine der technologisch höchst entwickelten Speisen, die man zubereiten kann.“ Nichtsdestotrotz habe es in der öffentlichen Wahrnehmung während der letzten hundert Jahre gelitten, sei zu einem Nebenprodukt geworden, zu einer Sättigungsbeilage. Schlimmer noch: „Brot wurde zum public enemy Nummer Eins, aus dem einen oder anderem Grund als ungesund angesehen, meist aufgrund einer Unzahl an falscher Information und schlecht gebackenen Brots.“ In ihrem Food Lab gehen sie mit ihrem Team daran, das zu ändern. Sie erfinden das Brot neu. Seine Textur, seinen Teig, seine Kruste, seine Geschmacksvielfalt.

Nach jahrelanger Arbeit verlässt das Brot 2.0 demnächst das Labor. Unter anderem mit Hilfe des Buches „Modernist Bread“, eines opus magnum von 2.300 Seiten zum Thema. Mit x verschiedenen Rezepturen und Herangehensweisen, die es wieder in das Zentrum unseres Speiseverhaltens zu rücken sollen.

 Kunst-Handwerk Brot © The Cooking Lab, LLC

Kunst-Handwerk Brot © The Cooking Lab, LLC

Moment. Brot als Essen der Zukunft?

War da nicht die Rede von Algen, die uns nähren würden, von Insekten, die den Bedarf an Aminosäuren, Proteinen, ungesättigten Fettsäuren, Eisen, Zink und Vitaminen decken würden?

Der Trend ist nicht die Zukunft

Und jetzt wird ausgerechnet Brot als Zukunftsversprechen ausgelobt?

Durchaus. „Was in Zukunft zählt“, sagt Food-Expertin Hanni Rützler, „ist ein holistisches Herangehen, sind neue Qualitätsansprüche. Die Menschen wollen wieder verstehen, wie Produkte entstehen, sie wollen Handwerk wahrnehmen.“ Hanni Rützler ist nicht nur Expertin in allen Belangen des Essens. Sie erarbeitet und verfasst den „Food-Report“ in Zusammenarbeit mit Matthias Horx´ Zukunftsinstitut. Ein jährliches Kompendium, in dem die wichtigsten Trends zusammengefasst, dargestellt und erläutert werden.

Doch Trends sind nicht per se die Zukunft.

Eigentlich darf man sich das so vorstellen: Das, was die Zukunft ausmacht, gleicht einem mächtigen Strom, der sich langsam und in der Tiefe voran bewegt. Bisweilen ist er so langsam und behäbig, dass seine Richtung nicht gleich auszumachen ist. Dafür tauchen auf seiner Oberfläche wieder und wieder schillernde, gleißende Strudel auf, schnell in der Bewegung, voll der Anziehung, aufmerksamkeitsheischend.

Manche nur kurz, andere länger. Viele haben keinen dauernden Einfluss auf die Bewegung, manche schon. Zusammen aber tragen sie zum Wesen des Stroms bei. Ohne sie wäre er in gewisser Weise fade. Flach und bar jeder Überraschung.

Um den Lauf und die Richtung des Stroms einschätzen zu können darf man sich nicht allein auf die Strudel konzentrieren. Es braucht einen weiteren Blick. Auch jenen in die Vergangenheit.

 Keine Nebenrolle – Gemüse © Chris Hoover/Modernist Cuisine, LLC

Keine Nebenrolle – Gemüse © Chris Hoover/Modernist Cuisine, LLC

Womit wir wieder beim Brot wären, diesem alten, uralten Lebensmittel. „Brot“, sagt Rützler, „wird zusehends wieder geschätzt. Als ein Lebensmittel, welches Qualität und Handwerkskunst in sich vereint. Selbstgebacken oder aus jungen, kleinen Bäckereien.“ Die New Yorker scheinen in dieser Hinsicht eines Sinnes mit der Ernährungsexpertin aus Wien.

Des Wesens Kern

„Wir erleben eine Paradigmenwechsel“, konstatiert Rützler. „Das bei uns lange vorherrschende Motto ,Schneller, billiger und mehr‘ ist nicht mehr zu halten. Der Zugang zum Essen wird spielerischer, lustvoller.“ Er wird vielfältiger.

Ein Beispiel gefällig? „Als ich jung war, da war Schokolade in erster Linie Milchschokolade“, erinnert sich Rützler. Die dunkle, die bittere Schokolade war nicht gefragt. Statt dessen geschmacksidente milchige Massenware. Heute wird eine ganz andere Bandbreite angeboten, von zartbitter über herb bis hin zu pfeffrig, alles das, was die Kakaobohne in ihrem Innersten zu bieten hat.

Oder der Kaffee, von dem es ebenfalls lange im Grunde nur eine Geschmacksrichtung, für den es nur eine Zubereitungsart gab. Und heute? Wird der Filterkaffee neben Espresso und Kapseln wiederentdeckt, diesmal freilich differenziert, elaboriert, als ein Kunstwerk. Um der Bohne und ihren Röstungen das Optimum an Geschmacksvariationen zu entlocken.

Vom Gemüse ganz zu schweigen, welches normiert und in Einheitsform vor kurzem noch als gleichsam an den Rand gedrängt eine Nebenrolle spielte, das inzwischen mit Hingabe neu entdeckt wird. Gerade in seiner Form als „Misfits“, verbogen, knollig, krumm und verworfen, und das, versehen mit neuen Rezepten, seit ein paar Jahren die Speisekarten bereichert.

Das sind Trends, die langfristig wirken, die in die Tiefe gehen und dem Strom eine Richtung verleihen.

 Brutal lokal – die Heidelbeere © Nathan Myrhvold/Modernist Cuisine, LLC

Brutal lokal – die Heidelbeere © Nathan Myrhvold/Modernist Cuisine, LLC

Kulinarische Identität

„Essen ist Teil der Alltagskultur“, hält die Expertin fest. „Über dass Essen definieren wir uns. Essen provoziert auch. Man kann sich damit abgrenzen. Denken wir nur an den Veganismus. Oder an Nose to Tail. Essen ist also ein Mittel der Distinktion.“ Früher, merkt sie an, wurde man in eine Klasse, in eine gesellschaftliche Schicht hineingeboren, mitsamt ihrer Esskultur. Da war es keine Frage, was auf den Teller kommt und wann und wie. Heute hingegen sei es vielmehr so, dass man als Individuum in die Welt geworfen würde und zu suchen beginne. Nach dem eigenen Platz innerhalb der Gesellschaft, nach Gleichgesinnten. Sohin böten sich ungleich mehr Möglichkeiten der kulinarischen Identifikation.

Das bedeutet auch, dass es nicht nur die eine Zukunft des Essens gibt, sondern derer mehrere. Die Zukünfte des Essen, gewissermaßen.

Brutal lokal

Die regional-lokale, zum Beispiel, die an Bedeutung gewinnt. Wer hierbei nun nur an Knödelwochen und an Wildwochen oder an eine Wir-essen-nur-Schweinernes-weil-wir-hier-Schweineres-essen-Küche denkt, liegt grandios daneben. „Local Food“ ist der gängige Fachbegriff, der auf regional und lokal erzeugte Lebensmittel abzielt, befeuert und angetrieben durch die „Slow-Food“-Bewegung, durch Bio-Pioniere. Auch durch das Bewusstsein, dass kurze Wege angesichts der globalen Erwärmung durchaus sinnvoll sind.

Die skandinavische Küche hat es bereits vorgeführt, das höchst kreative Interesse an Wildfood, am Einsatz heimischer Pflanzen, die nicht auf dem Feld, sondern wild wachsen, allerlei Beeren, Farne und Pilze etwa. Kombinationen dieser Art haben sich mittlerweile auch in Mitteleuropa etabliert, mit Löwenzahn und Hopfensprossen, mit Tannenzapfen gar. Gut, die werden im Wiener Steirereck nun nicht gebacken, sie garnieren vielmehr eine in Blätterteig eingeschlagene Wildfarce, sie sorgen für einen eigenen Geschmack, ein Erlebnis. So wie Sauerampfer, Holunderblüte und Schlehe in Kombination mit der nun wahrlich nicht heimischen Götterfrucht.

 Lachs. Rot. © Nathan Myhrvold/Modernist Cuisine, LLC

Lachs. Rot. © Nathan Myhrvold/Modernist Cuisine, LLC

Unversehens geht das Lokale eine Verbindung mit dem Internationalen ein, wird dadurch in einer neuen Dimension erlebbar, genießbar. Grenzen kennt das regional-lokale Essen also nicht, nicht was seine Variationen betrifft, nicht was seine Radikalität betrifft. Brutal lokal, sozusagen. Eine Variante der Zukunft, die auf herausragende Qualität setzt, auf Alleinstellungsmerkmale, auf das Entdecken und Heben alter, beinahe vergessener Sorten und Rassen. Wo Fleisch noch Fleisch und Wurzel Wurzel ist. Alles echt, gewissermaßen.

Vorzügliches Imitat

Nein, nicht alles, die andere Zukunft ist im Ersatz zu Hause. Ganz recht, und jetzt bitte nicht an den Fleischersatz von Anno dazumals denken, der in Zeiten von Krieg und Krise die Bevölkerung wenn schon nicht nähren so doch sättigen sollte. Die Lebensmitteltechnologie, vorangetrieben in den Labors von Universitäten und Konzernen, hat damit nun wirklich nichts mehr zu tun. Was vor Jahren noch mild belächelt wurde, das Tofu-Schnitzel, der pflanzliche Ersatz von Fleisch, mehr bemüht denn geschmackvoll, ist vom hässlichen Entlein zum Schwan gereift. So kann das gesagt werden. Tatsache.

 Nein, kein Fleisch. © Impossible Food

Nein, kein Fleisch. © Impossible Food

In den USA sorgen Beyond Meat und Impossible Foods mittlerweile für vegane Burger, für „Fleisch“ ganz und gar aus pflanzlichen Zutaten. Wobei das Fleischsubstitut das echte aus Rind geschmacklich wie auch optisch perfekt imitiert. Das ist beileibe nicht nur ein amerikanischer Zug, in Deutschland wie in Österreich setzen große bisher ausschließlich fleischverarbeitende Unternehmen ebenfalls auf qualitätsvolle vegane Erweiterung. Die rückt damit aus der Nische in den Mainstream vor. Sozusagen vom Supermarktregal über die Burgerbrater schwuppdiwupp auf die Speisekarten der Restaurants. Nicht als Eintagsfliege, vielmehr als in jeder Hinsicht saubere Alternative zu jenem Fleisch, welches aus der Mastviehhaltung kommt – und zusehends aus ethischen, moralischen wie auch ökologischen Erwägungen in Frage gestellt wird.

„Essen“, erläutert Rützler, „ist immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft und ihrer Werte.“ Was sich in diesem Bereich verändert, das hat Auswirkungen auf Speis und Trank, auf Angebot und Nachfrage. Die Zeiten des reinen Versorgungskochens sind vorbei. Die Zukunft des Essens wird von Vielfalt, Qualität und Wertschätzung, von Handwerk und Hochtechnologie geprägt. Begleitet wird sie von der Renaissance des Brotes. (fvk)

 

In Aussicht...

...Insekten – Bis die Kerbtiere ihre Vorteile auch in Mitteleuropa voll zur Geltung bringen können, wird noch einige Zeit vergehen. Zwar sind sie hervorragende Protein- und Nährstofflieferanten, zudem leichter zu züchten – und das zu einem Bruchteil der ökonomischen und ökologischen Kosten – als Rinder und Schweine, hierzulande aber stoßen sie auf Skepsis. Dem wollen engagierte „Entomophagier“ mit einer Reihe von Angeboten bis hin zu Kochkursen abhelfen. Hat Zukunft.

...Algen – In Asien seit eh und je integraler Bestandteil der Esskultur, machen Meeresalgen auch in Europa peu a peu Boden gut. Da reich an hochwertigem Eiweiß, Nähr- und Ballaststoffen, beinahe frei von Kalorien und Fett gelten sie als „Powerfood“. Weswegen sie in unseren Breiten eher als Getränk zu finden sind. Oder als Nudeln. Hat Zukunft.

...In-vitro-Fleisch – Was Mark Post in den Niederlanden entwickelt hat, das ist schlicht Fleisch aus der Petrischale. Auf Basis von Stammzellen erwachsener Rinder wächst es in einer Nährlösung zu Muskelfasern heran. Praktischerweise schon Burgerform. Im Prinzip die Lösung schlechthin um Mastbetriebe ein für allemal der Vergangenheit angehören zu lassen. Ob aber ausgerechnet die tendenziell kulinarisch konservativen Österreicher und Deutschen das Fleisch aus dem Labor auf dem Teller haben wollen, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Ist Zukunftsmusik.

 

Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Version in Falstaff Karriere 01/17.

Wellcome Image Award Stickmans Leid

„Stickman – The Vicissitudes of Crohn’s“ (Die Unbeständigkeiten des Morbus Crohn) ist am Abend des 15. März unter den 22 ausgewählten Wissenschaftsbildern 2017 zum Gewinner des Wellcome Image Award gekürt worden. Illustrator Spooky Pooka (Oliver Burston) leidet an der Erkrankung und hat mit „Stickman“ sein alter ego geschaffen. In all seinen Schmerzen, in seinem Verlust an Gewicht, in seiner Fragilität und der abrupt wechselnden Natur der Krankheit.

 Ausgezeichnet: „Stickman – Die Unbeständigkeiten des Morbus Crohn“ von Spooky Pooka.

Ausgezeichnet: „Stickman – Die Unbeständigkeiten des Morbus Crohn“ von Spooky Pooka.

BBC-Medizinkorrespondent Fergus Walsh, Mitglied der Jury, erklärte dazu: „Dieses Bild ist eine beeindruckende Darstellung davon, wie es sein muss, an Crohn erkrankt zu sein. Ich habe bisher kein vergleichbares Portrait eines solchen Zustandes gesehen. Es verkörpert den Schmerz und die Qual, die der Betroffene durchleben muss. Dieses wunderbar komponierte Bild wirkt nach: Es ist quälend und eindringlich.“

 Julie Dorrington Award: „Iris Clip“ von Mark Bartley

Julie Dorrington Award: „Iris Clip“ von Mark Bartley

Vergeben wurde heuer zum zweiten Mal auch der „Julie Dorrington Award for outstanding Photgraphy in a clinical environment“, mit dem Fotograf Mark Bartley ausgezeichnet wurde. Sein Close-up zeigt, wie ein „Iris Clip“ zur Behandlung von Kurzsichtigkeit und Linsentrübung in das Auge eines Patienten eingesetzt wird. Die Vorsitzende des Wellcome Image Award, Catherine Draycott, erläuterte den Entscheid der Jury mit der „Klarheit und Präzision der Illustration“ – die sich gleichzeitig in der Arbeit des Chirurgen spiegle. (fvk)

Vom 16. März an werden die Bilder in Ausstellungen im Vereinigten Königreich, Irland, Russland und Südafrika zu sehen sein. Ebenso wie auf der Wellcome Image Awards Website.

Wellcome Image Awards – Bilder der Wissenschaft

Mit Bildern lassen sich Geschichten erzählen. Bisweilen lassen sie sich auf den Punkt bringen. In dem Sinn, dass sie fesseln, Neugier auslösen, die Bereitschaft, sich weiter mit einem Thema auseinander zu setzen.

 Plazenta Regenbogen ©Suchita Nadkarni, William Harvey Research Institute, Queen Mary University of London

Plazenta Regenbogen ©Suchita Nadkarni, William Harvey Research Institute, Queen Mary University of London

Das ist keine neue Erkenntnis. Wirklich nicht.

Trotzdem eine, die gerade in der Wissenschaft wieder und wieder erzählt werden muss. Denn irgendwann haben sich in weiten Bereichen der Forschung sehr schematische, sehr technische Illustrationen durchgesetzt. Weil sie exakt sind, weil sie vom versierten Fachpublikum verstanden werden.

Dass Bilder indes auch nach außen wirken, wird darüber oft vergessen.

Oft, nicht immer.

 Rita Levi-Montalcini ©Daria Kirpach/Salzman International

Rita Levi-Montalcini ©Daria Kirpach/Salzman International

Der britische Wellcome Trust kürt heuer im Rahmen der Wellcome Image Awards bereits zum zwanzigsten Mal in Folge herausragende Bilder der Wissenschaft. Der Bogen spannt sich von der Fotografie über die Mikroskopie und Scans bis hin zu künstlerischen Illustrationen. „Die Bilder“, so der Wellcome Trust in seiner Presseaussendung, „setzen eine große Bandbreite an Methoden ein, um die Vorstellungskraft anzuregen und komplexe Konzepte lebendig zu verdeutlichen.“

 #breastcancer Twitter connection ©Eric Clarke, Richard Arnett and Jane Burns, Royal College of Surgeons in Ireland

#breastcancer Twitter connection ©Eric Clarke, Richard Arnett and Jane Burns, Royal College of Surgeons in Ireland

So findet sich eine beinah surreal anmutende Illustration der Neurobiologin und Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini Seite an Seite mit der Darstellung der Blutgefäße eines Afrikanischen Graupapageis und der Visualisierung einer Twitter-Konversation zum Thema Brustkrebs. Kunstwerke jedes für sich.

Eine Galerie großer Kunst im Gesamten.

 Zebrafischauge und Sensoren ©Ingrid Lekk und Steve Wilson, University College London

Zebrafischauge und Sensoren ©Ingrid Lekk und Steve Wilson, University College London

Fergus Walsh, Medizinkorrespondent der BBC und Mitglied der Jury, drückt es so aus: „Der Wellcome Image Award enthüllt laufend markante Bilder, die eine Welt der Wissenschaft zeigen, wie sie dem nackten Auge meist verborgen bleibt. Diese Palette spektakulärer Bilder wird das Publikum anziehen, wird es sich wundern und Fragen stellen lassen zu Dingen, die es sich nicht hat vorstellen können.“

Was kann man mehr erwarten? (fvk)

Am Abend des 15. März wird aus den 22 Bildern jenes eine vorgestellt, welches zu dem Siegerbild des Jahres 2017 gekürt und mit dem Julie Dorrington Award ausgezeichnet wird – point_of_science wird berichten.

Vom 16. März an werden die Bilder in Ausstellungen im Vereinigten Königreich, Irland, Russland und Südafrika zu sehen sein. Ebenso wie auf der Wellcome Image Awards Website.

Europa aus dem All

Großartig ist es, wenn potentielle neue habitable Planeten entdeckt werden. Spannend und mitreißend ist es, landet eine Sonde auf einem Kometen. Schön und informativ ist es, bildet ein Satellit die Erde selbst ab. Proba V, ein kleiner Satellit der European Space Agency (ESA) tut das. Er fokussiert auf die Vegetation der Erde. Unter anderem um die Folgen den Brandrodung in Brasilien zu untersuchen. Dabei entstehen Aufnahmen wie die folgenden, die die ESA nun auch öffentlich zugänglich macht. In einem ersten Schritt mit Aufnahmen ihrer 22 Mitgliedsstaaten.

 Österreich

Österreich

Wobei es in diesem Fall des Open Access nicht nur um schöne Bilder geht. Die ESA bietet zusammen mit dem Bildmaterial auch Datensätze an, die Interessierte kostenfrei für ihre Zwecke nutzen können. Um Forschung und Mitteleinsatz besser argumentieren zu können.

Innerhalb dieses europäischen Zusammenwirkens spielt Österreich übrigens eine nicht unerhebliche Rolle. Und nicht unerheblich ist auch die österreichische Weltraumforschung, einerlei ob akademisch wie im Fall des Grazer Instituts für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, oder wirtschaftlich.

 Griechenland

Griechenland

114 Forschungseinrichtungen und Unternehmen mit rund 950 Beschäftigten sind hierzulande im Raumfahrtsektor tätig. Weit mehr, als man vermuten möchte.

Und sie haben einen guten Ruf, einen exzellenten. Kommunikationssysteme, Messinstrumente, hochpräzise Navigationsempfänger für Satelliten und Steuerungselektronik „made in Austria“ sind bei unterschiedlichsten Missionen nicht nur der ESA aber auch der US-Amerikaner oder Chinesen in die Weiten des Alls gefragt.  So fertigt die in Wien beheimatete Tochter der Schweizer RUAG Space die erwähnten Navigationsempfänger, welche die Bestimmung der Satellitenposition auf Zentimeter genau ermöglichen. Im Zuge des Copernicus-Programms der EU werden sämtliche Sentinel-Satelliten damit ausgerüstet.

 Tschechien

Tschechien

Und wenn schließlich im Frühjahr 2018 die ESA-Mission BepiColombo zum Planeten Merkur aufbricht, wird das Unternehmen Beiträge in Gesamtwert von mehr als 30 Millionen Euro geleistet haben. Unter anderem erfolgt die Ausrichtung der elektrischen Triebwerke während der sechsjährigen Reise mithilfe von Positionier-Mechanismen und Steuerungselektronik aus Wien. Zusätzlich ermöglicht eine spezielle Thermal-Isolation das Überleben des Satelliten im inneren Sonnensystem – wo er Temperaturen von über 400 Grad Celsius ausgesetzt sein wird.

 Schweiz

Schweiz

In der Steiermark wiederum arbeitet der Sondermaschinenbauer HAGE an der Entwicklung einer Hightech-Anlage für die Ariane-6-Rakete, die im Jahr 2020 starten soll. Dafür sollen die Automatisierungsspezialisten eine über 50 Meter lange Anlage zur Produktion der Bulkheads, Verschlussklappen für Raketentanks, konstruieren. Bei den sechs Meter breiten und drei Meter hohen Werkstücken kommt das „Friction Stir Wieldings“-Verfahren zum Einsatz. Damit werden Werkstoffe oder Werkstoffkombinationen, die bisher als nicht verschweißbar galten, in hoher Qualität miteinander verbunden. In diesem Fall handelt es sich um eine Aluminium-Lithium-Legierung. Mithin um Know-how, welches auch für den irdischen Einsatz von Interesse ist. (fvk)

 

Alle Fotos: © ESA/Belspo – produced by VITO, Creative Commons CC BY-SA 3.0 IGO

Die Trappisten-Show

Es hat gewaltig rumort. Die NASA würde mit einer Sensation aufwarten, so war in den letzten Tagen wiederholt zu lesen und zu hören.

Was sie gestern präsentiert hat, ist eine Sensation: Im Sternbild des Wassermann, gerade einmal 39 Lichtjahre entfernt, im kosmischen Maßstab also in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem Sonnensystem, wurden rund um den roten Zwergstern Trappist-1 sieben erdähnliche Planeten entdeckt. Ähnlich in ihrer Größe und Masse, ähnlich da auch sie wahrscheinlich Gesteinsplaneten sind und allesamt in der habitablen Zone.

 Vorfreude: Die NASA imaginiert eine Reise zu fremden Welten.

Vorfreude: Die NASA imaginiert eine Reise zu fremden Welten.

Der Grund dafür ist Trappist-1, ein Zwergstern von gerade einmal acht Prozent der Masse unserer Sonne, mit etwa zwölf Prozent ihres Umfangs und nicht einmal halb so heiß. Das ist auch der Grund, weshalb die Planeten, trotzdem sie ihrem Zentralgestirn sehr nahe sind, gemäßigte Temperaturen aufweisen könnten. Das beflügelt die Phantasie und auch die Hoffnungen.

Wie nahe die Planeten zu Trappist-1 sind, wird an ihren Umlaufzeiten ersichtlich. Allein die inneren sechs Trabanten benötigen für eine Umrundung des Sterns gerade einmal zwischen eineinhalb und zwölf Tagen (die Erde immerhin 365). Der äußerste Planet weist eine Umlaufzeit von wahrscheinlich zwei bis fünf Wochen auf. Genaueres weiß man noch nicht.

Ein System wie jenes um Trappist-1 ist extrem selten. Zumindest ist bislang nur ein weiteres Sonnensystem mit sieben Trabanten bekannt, dieses, mit KOI-351 im Zentrum, ist 2.500 Lichtjahre entfernt.

Die Trappisten sind uns also wirklich nahe.

Der nächste Schritt der Beobachtung zielt nun auf den Nachweis von Ozon in den Atmosphären ab. Das wäre ein Hinweis auf biologische Aktivitäten auf den Planeten.

Der Vorfreude auf weitere Ergebnisse und Erkenntnisse sind vorerst keine Grenzen gesetzt. Jetzt braucht es nur noch eine Möglichkeit, die Distanz von 39 Lichtjahren schneller als das Licht zu bewältigen. Aber das ist Science Fiction. (fvk)

© Alle Bilder: IoA/Amanda Smith/NASA

Das Neue im Alten & das Gesetz der kleinen Zahl

Im Alter ist man ein anderer Mensch als in jungen Jahren. Nicht nur in Hinblick auf die Körperzellen, die im Laufe eines Lebens x-mal auf- und abgebaut werden (selbst Knochenzellen werden im Durchschnitt nach 25 bis 30 Jahren durch neue ersetzt). Nein, nein, nein. In diesem Fall geht es um die Persönlichkeit, die im Alter ganz und gar anders gestrickt ist als in der Jugend. So eine Meldung aus Schottland. Dort haben Wissenschaftler der University of Edinburgh eine 1947 gestartete Studie zu Ende geführt.

 Immer noch der Alte?                                                                                             ©Emma Hall/Unsplash

Immer noch der Alte?                                                                                             ©Emma Hall/Unsplash

Vor 63 Jahren wurden 1.208 Jugendliche im Alter von 14 Jahren von ihren Lehrern bewertet. Nicht nach ihren schulischen Leistungen, sondern nach ihren Persönlichkeitsmerkmalen Selbstbewusstsein, Beharrlichkeit, Ausgeglichenheit, Gewissenhaftigkeit, Eigenwilligkeit und dem Ziel, Spitzenleistungen zu erbringen.

635 der damals Jugendlichen wurden im Jahr 2012 von den Forschern kontaktiert und gefragt, ob sie an einem weiteren Persönlichkeitstest teilnehmen würden. 174 von ihnen erklärten sich dazu bereit.

Diesmal sollten sie sich selbst bewerten und sich von einem engen Freund oder einem Familienmitglied bewerten lassen.

Das Ergebnis überraschte die Forscher insofern, als die seinerzeit erhobenen Persönlichkeitsstrukturen nichts oder nur wenig mit den aktuellen verband. Die Überraschung rührte daher, als die Forschung bislang davon ausgeht, dass die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen relativ stabil ist. Darauf weisen Untersuchungen hin, die bei Menschen zwischen ihrer Kindheit und dem mittleren Erwachsenenalter, sowie bei Personen zwischen mittlerem Erwachsenenalter und hohem Alter durchgeführt worden waren.

Die Wissenschaftler aus Edinburgh kommen nun zu dem Schluss, dass, wenn das Untersuchungsintervall auf einen Zeitraum von 63 Jahren angehoben wird, zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen kaum Verbindung besteht.

Ein neuer Mensch im Alter: Das sorgt für Schlagzeilen.

Und ist doch voreilig.

Zum einen wurden die Jugendlichen einst von ihren Lehrern beschrieben, nicht von sich selbst. Da hakt es schon ein wenig mit der Vergleichbarkeit der Daten.

Zum anderen behandelt die Studie gerade einmal Ergebnisse von 174 Personen. Das ist eine wirklich sehr kleine Zahl an Probanden, von der aus Schlüsse auf die Allgemeinheit gezogen werden.

 Immer noch dieselbe?                                                                                   ©Ismael Nieto/Unsplash

Immer noch dieselbe?                                                                                   ©Ismael Nieto/Unsplash

Daniel Kahneman beschäftigt sich in „Schnelles Denken, langsames Denken“ eingehend mit dem „Gesetz der kleinen Zahlen“ und bringt dazu folgendes Beispiel: „,Bei einer telefonischen Befragung von 300 Senioren erklärten 60 Prozent ihre Unterstützung für den Präsidenten‘ Wenn Sie die Botschaft dieses Satzes in genau drei Wörtern zusammenfassen sollten, wie würde diese lauten? Höchstwahrscheinlich würden Sie ,Senioren unterstützen den Präsidenten‘ äußern. Die weggelassenen Einzelheiten der Erhebung – dass sie telefonisch durchgeführt wurde und die Stichprobe 300 Personen umfasste – sind für sich genommen uninteressant; sie liefern Hintergrundinformationen, die wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen [...] Die starke Tendenz, zu glauben, dass kleine Stichproben weitgehend mit der Population übereinstimmen, der sie entnommen wurden, ist ebenfalls Teil einer allgemeineren kognitiven Verzerrung: Wir neigen dazu, die Konsistenz und Kohärenz dessen, was wir sehen, zu überzeichnen.“

Eine Tendenz, die Kahneman auch bei Forschern ausmacht. Merke, auch Wissenschaftler sind nur Menschen.

Insofern ist die Meldung aus Schottland mit Vorsicht zu genießen. Sie ist keine neue Erkenntnis. Sie ist im besten Fall ein Detailergebnis, welches bei weiteren Studien in Betracht gezogen werden kann und soll.

Dass sich Persönlichkeitsmerkmale ändern, das ist ein Faktum. Dass die Persönlichkeit bei Älteren sich in derselben Geschwindigkeit ändern kann wie bei Jungen, das belegt eine Studie der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2014, die mit immerhin 23.000 Probanden in Deutschland und Australien durchgeführt wurde. Selbst bei über 70jährigen kann sich die Persönlichkeit noch dramatisch wandeln.

Was die Berliner Studie und nun jene aus Edinburgh gemeinsam haben, ist, dass sie darauf hinweisen, dass Individuen sich im Laufe ihres Lebens auch in Hinblick auf ihr Denken, Empfinden und Verhalten stärker verändern können als bisher angenommen. Von einem völlig anderen Menschen zu sprechen, erscheint im besten Fall voreilig. (fvk)

Politik auf dem Spielplan

„Das Interessante ist“, sagt Christian Glanz, „dass ausgerechnet in Wien, in Österreich des 19. Jahrhunderts auf die Oper als Mittel politischer Kommunikation verzichtet worden ist.“ Zu einer Zeit, in der Verdi in Italien und Wagner in Deutschland klangmächtig Visionen beschreiben, herrscht in Wien seltsame schöpferische Stille. Die Hofoper lebt, aber sie schöpft aus dem Repertoire Mozarts, Glucks und der italienischen Komponisten. Und der Kaiser findet ohnedies lediglich am Radetzky-Marsch Gefallen.

 Hofoper im Winter 1917                                            ©Hugo Heikenwälder/commons wikimedia.com

Hofoper im Winter 1917                                            ©Hugo Heikenwälder/commons wikimedia.com

Eine politische Geschichte der Oper in Wien 1869 bis 1955“, auf diesen Titel lautet das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt unter der Leitung von Christian Glanz am Institut für Analyse, Theorie und Geschichte der Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst. „Das Jahr 1869 ist in Wien eines der letzten Jahre, in denen die Liberalen die tonangebende politische Kraft waren. Das Ausscheiden aus dem Deutschen Bund ist drei Jahre her, der Ausgleich mit Ungarn zwei Jahre. Und bis zu Börsenkrach und Cholera sind es noch vier Jahre hin“ schildert Glanz den Ausgangspunkt. Vor allem ist 1869 das Jahr, in dem die Hofoper etabliert wird.

„Die Grundannahme war“, so Glanz, „dass sich gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen auch in der Institution spiegeln.“ Die Oper als Seismograph, sozusagen. „Wobei wir klar festhalten müssen, dass es hier keine Push-and-Pull-Situation gibt“, fügt Glanz hinzu. Nicht jedes politische Ereignis hat unmittelbar Auswirkungen auf das Haus am Ring. Viel öfter sind es Mentalitäten, die sich festhalten lassen, Entwicklungen im Vorfeld politischer Ereignisse. Textänderungen, um ein Werk doch zur Aufführung zu bringen. Versuche, im Hintergrund Einfluss auszuüben, am deutlichsten anhand der illegalen nationalsozialistischen Betriebszellen in den 30-er Jahren zu sehen.

In fünf Phasen unterteilt untersucht das Projekt die „Ringstraßenkultur“ der 1870er Jahre, das Jahr 1897, die Oper der Ersten Republik, in Zeiten der Diktatur sowie die Entnazifizierung und den Wiederaufbau. Und jeweils die Wechselwirkungen zwischen Alltagsgeschehen und Aufführungen anhand ausgesuchter Beispiele. „Die zweite Phase war ursprünglich auf den Zeitraum zwischen 1892 mit der Wiener Musik- und Theaterausstellung und dem Jahr 1907 und der Einführung des Allgemeinen Wahlrechts für Männer gedacht“, schildert Glanz. Eine im Sinne des Wortes dichte Zeit. So dicht an zentralen Ereignissen und Materialien, dass dieser Abschnitt auf eine Aufführung und ein einziges Jahr fokussiert.

 Karrikatur zur Badenikrise 1897            © Gustav Brandt/Kladderatatsch/commons wikimedia.com

Karrikatur zur Badenikrise 1897            © Gustav Brandt/Kladderatatsch/commons wikimedia.com

1897 ist dichtgepackt: Karl Lueger wird Bürgermeister von Wien und mit ihm etablieren sich Massenparteien und Populismus pur; „Alt-Wien“ wird gegen „Neu-Wien“ in Stellung gebracht; die autochthone Wiener „Kultur von Grund“ wird als Antithese zur höfischen Hochkultur propagiert; im Reichsrat bringt Ministerpräsident Kasimir Felix Badeni seine Sprachverordnungen für Böhmen und Mähren ein was prompt zu Straßenschlachten sowie zu einer Staatskrise führt und – Gustav Mahler wird zum Hofoperndirektor berufen.

Der nun setzt als seine erste Premiere am 4. Oktober 1897, des Kaisers Namenstag, Friedrich SmetanasDalibor“ aufs Programm. Ein Stück, dessen Protagonist sich gegen König, Adel und Polen stellt und die Bauern unterstützt. Künstlerisch ein Erfolg und von der Kritik wohlwollend aufgenommen, politisch eine Erregung. Medial getragen und verbreitet durch das „Deutsche Volksblatt“, die „Deutsche Zeitung“ und die „Reichswehr“, die darin eine „Versklavung der Hofoper“ erkennen will. Tamara Ehs, die im Bericht das „Schlüsseljahr 1897“ behandelt, hält fest: „Sollte es (Dalibor) ein politischer Akt gewesen sein, so nahm sich Mahler kurz darauf jedoch wieder zurück; denn er hatte zu Saisonbeginn auch die Aufführung von Smetanas ,Libuse‘ angekündigt, aufgrund der entstandenen Polemik und Angriffe schließlich aber nicht verwirklicht.“

Es ist die Hofoper, auch unter Mahlers Leitung, eben eine Hofoper. Finanziert aus der Privatschatulle des Kaisers, mehr Ornament als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die verlagert sich auf andere Felder. Dennoch erwächst ausgerechnet diesem kaiserlichen Schmuckstück in der Ersten Republik eine neue Aufgabe. Nunmehr als Staatsoper bezeichnet, soll sie getragen durch einen überparteilichen Konsens von der Weltgeltung Wiens und Österreichs in allen Belangen der Musik künden. Daran ändern auch tagespolitische Erregungen um das Ballett „Schlagobers“ und „Jonny spielt auf“ nichts. Vielmehr erweitert die Oper ihren Raum, indem sie eine Partnerschaft mit den Salzburger Festspielen eingeht – und es den wechselnden Bundesregierungen bis in die Zeit des Austrofaschismus ermöglicht, Salzburg gleichsam an die Kandare Österreichs zu nehmen. Kontrolle zu bewahren.

„Interessant ist auch wie die Oper nach 1945 positioniert wurde“, meint Glanz. „Der Wiederaufbau des Gebäudes wurde von offizieller Seite mit dem Wiederaufbau Österreichs gleichgesetzt. In den USA wurden Gelder dafür mit dem Argument, dass sie Österreich von Deutschland abgrenze, eingeworben.“ Die Oper als symbolbeladenes Ornament. Die Ergebnisse des Projektes, so Glanz, werden 2019 in ein Buch zum 150-Jahr-Jubiläum der Staatsoper einfließen. Damit sie in Zeit und Gesellschaft verortet werden kann. (fvk)

 

Dieser Artikel ist am 20.02.2017 auf der FWF-Plattform Scilog erschienen.

Digitaler Humanismus

Das Internet der Dinge, das ist die Zukunft. So heißt es. Manch einem wird angesichts dieser von einer künstlichen Intelligenz geprägten Zukunft mulmig. Warnende Stimmen von Nick Bostrom bis hin zu Stephen Hawking häufen sich. Peter Reichl setzt dem das „Internet of People“ entgegen. Reichl ist Informatiker und leitet die Forschungsgruppe Cooperative Systems (COSY) an der Fakultät für Informatik der Universität Wien. Er ist sozusagen inmitten des Geschehens.

 © Universität Wien

© Universität Wien

„Im Prinzip plädieren wir mit der Idee eines Internet of People für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in den Informations- und Kommunikationstechnologien“, sagt Reichl in einem Interview mit uni:view. Die Technologie soll nicht mehr Selbstzweck sein, sondern nur für die Endnutzer da sein, „um sie bei der Erfüllung ihrer wirklichen Bedürfnisse zu unterstützen. Noch plakativer formuliert: Statt weiterhin um Technologie und ihre Versprechen zu kreisen, bis ihm schwindlig wird, kehrt der Mensch zurück ins Zentrum des technologischen Universums“, erklärt er.

Das nennt er dann die „Anti-kopernikanische Wende“.

Ein kühner Begriff. Einer, der wohl bewusst auf Aufmerksamkeit hin angelegt ist. Die kopernikanische Wende, die Erkenntnis, dass die Erde sich nicht im Zentrum des Universums befindet, hat das Ihre zur Renaissance und letztlich zur dieser Monate vielzitierten Aufklärung beigetragen.

Jetzt will ein Informatiker wieder den Menschen in den Mittelpunkt eines Universums stellen. Des digitalen Universums.

„Für uns bedeutet das, dass Technologie nicht entwickelt wird, um Dinge mit Dingen zu verbinden, sondern Menschen mit Menschen“, so wie Reichl das sagt, klingt es nach einer Binsenweisheit. Einfacher und billiger freilich ist es, Industriestandards und Normen zu entwickeln und ihnen folgend zu produzieren. Einfacher und billiger, als individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Nutzer einzugehen. Exakt daran arbeitet die Gruppe um Reichl. Indem sie Endnutzer mit verschiedenen Angeboten unterschiedlicher Qualität konfrontiert. Die Einblicke, die gewonnen werden, „können dann in weiterer Folge beispielsweise bei einem Internet Service Provider genutzt werden, um ein besonders userfreundliches Angebot zu schaffen, das sich von der Konkurrenz abhebt.“

Damit allein ist eine „Anti-kopernikanische Wende“ nicht zu bewerkstelligen. Es soll, es muss nicht nur die Technologie und ihr Einsatz, ihr Angebot überdacht und in Frage gestellt werden, mindestens ebenso dringend müssen sich die Nutzer, muss sich die Gesellschaft intensiv mit den Folgen allgegenwärtiger digitaler Kommunikation und Information auseinandersetzen.

 Peter Reichl (Screenshot)

Peter Reichl (Screenshot)

Bequem ist sie ja durchaus. So bequem, dass man verleitet sein könnte, das Denken an die „Maschine“ abzutreten. Da sie schneller denkt, schneller Lösungsvorschläge bei der Hand hat. Weil man ihr eine Intelligenz zuschreibt, die höher zu sein scheint als die menschliche. Schneller ist sie auf jeden Fall. Andere Qualitäten menschlichen Denkens fehlen der auf Algorithmen aufgebauten Intelligenz.

Daniel Kahneman schreibt in diesem Zusammenhang vom „schnellen“ und vom „langsamen“ Denken unseres Gehirns. Das schnelle, welches wir im Alltag, für alltägliche Verrichtungen, für die Routine einsetzen. Aufbauend auf Erfahrung und Mustern, von daher auch sehr sparsam in Sachen Energieverbrauch.

Das langsame Denken hingegen ist jenes, mit welchem wir Aufgaben lösen. Mathematische Probleme bearbeiten, es ist jene Art des Denkens, die uns unversehens zu neuen Erkenntnissen verhilft, auch dazu jenseits gewohnter Bahnen zu denken. Sein Nachteil ist, es ist eine höchst energieaufwendige Arbeit. Eine, die unser Gehirn tunlichst zu vermeiden sucht.

Das mag ein Grund dafür sein, dass unsere Spezies es sich wieder und wieder bequem macht – und andere für sich denken lässt. Einerlei ob Religionen, Ideologen oder auch eine Künstliche Intelligenz. Schneller als uns lieb ist, befinden wir uns dann in der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“, die Immanuel Kant 1784 in der „Berlinischen Monatsschrift“ behandelte. Es lohnt, an dieser Stelle den Königsberger Philosophen ein wenig ausführlicher zu Wort kommen zu lassen: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Es braucht also eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Angeboten und Aufgaben der Digitalisierung. Eine Herkulesaufgabe sei es, meint Reichl. Es brauche „vor allem auch eine grundlegende Diskussion darüber, wie diese neue informationsgetriebene Umwelt mit der menschlichen Lebenswelt zusammenhängt“.

Eine Debatte, die, so der Wissenschaftler, gerade von der Wissenschaft vorangetrieben werden müsse. „Die Wissenschaft muss zuallererst einmal ehrlich zu sich selbst sein und versuchen, in einer ruhigen Minute einen Schritt zurück zu treten, um die gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Tuns – und Lassens – kritisch zu hinterfragen.

Gerade die Informatik muss sich als Fach viel stärker in die Pflicht nehmen und reflektieren, was man da eigentlich zu und was das bedeutet. Ihr geht es heute genauso wie der Physik mit der Atombombe oder der Biologie mit dem ersten Klonschaf: Im Zuge des digitalen Wandel sind wir momentan dabei, eine entscheidende Grenze zu überschreiten.“

Trotzalledem, verloren ist nichts. Reichl sieht die Chancen auf eine Zukunft, geprägt von einem „digitalen Humanismus“, intakt. (fvk)

 

 

Das zitierte Interview mit Peter Reichl erschien im Rahmen der Uni-Wien „Semesterfrage 2016/17: Wie leben wir in der digitalen Zukunft?“. Jedes Semester behandeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni eine Frage, ein Thema, welches die Gesellschaft betrifft. Im Sommersemester lautet die Frage „Wie verändert Migration Europa?“.

Ach, Chimäre!

Ein Begriff und zwei Wahrnehmungen. Eine Alltäglichkeit, bisweilen freilich unerfreulich. Zum Beispiel, handelt es sich um Chimären.

Die Chimäre ist, im Alltagsgebrauch, und wohl auch im allgemeinen Bewusstsein, ein Mischwesen, ein Ungeheuer. So beschreibt Homer sie als ein feuerspeiendes Tier mit Löwen- und Ziegenkopf sowie einer Schlange als Schweif. Ihre Schwester ist die Sphinx. Auch kein freundliches Wesen, stellt sie Wanderern doch Rätsel und tötet sie, so sie die richtige Antwort nicht wissen. Auch Kerberos, der dreiköpfige Hund mit einer Schlange als Schwanz, ist keiner, dem man begegnen will (so man in den Hades gelangt, aber begegnen muss). Von der vielköpfigen Hydra ganz zu schweigen, kaum schlägt man ihr ein Haupt ab, wachsen deren zwei nach.

 Chimäre – Von Pearson Scott Foresman - Archives of Pearson Scott Foresman, donated to the Wikimedia Foundation

Chimäre – Von Pearson Scott Foresman - Archives of Pearson Scott Foresman, donated to the Wikimedia Foundation

So viel zur Chimäre und ihrer Sippe unerfreulicher Mischwesen, die, der Einfachheit halber, samt und sonders unter den Gattungsbegriff „Chimäre“ fallen.

So weit, so altgriechisch und gut.

Chimäre ist aber auch die wissenschaftliche Bezeichnung für einen Organismus aus genetisch unterschiedlichen Zellen und Geweben. Da ist noch nichts Vielköpfiges, aber ein Mischwesen ist doch sichtbar. Mikroskopisch. In Ansätzen.

In Kalifornien haben Forscher des Salk Institute – auf Basis erfolgreicher Arbeiten mit Ratten und Mäusen – Schweineembryonen mit humanen pluripotenten Stammzellen geimpft. Nur ein kleiner Teil davon entwickelte sich während der folgenden drei bis vier Wochen normal und wies sowohl menschliche (0,001 Prozent) wie auch tierische Zellen auf. Sogar Teile der rudimentär ausgebildeten Organe enthielten menschliche Zellen. Nur die Nerven nicht und somit auch nicht das, was sich als Gehirn herausbilden sollte.

Sollte.

Denn die Embryonen wurden – nach erfolgter Untersuchung – vernichtet. Dafür ging die Meldung über die veröffentlichte Studie im Fachjournal Cell in die Welt.

Und die schaudert es. Denn, was hängen bleibt in der Öffentlichkeit ist: US-Forscher schufen Chimäre! Das Menschenschwein ist Realität!

Ist es nicht. Es handelt sich hier um zwei grundverschiedene Chimären. Das, was in den Labors des Salk-Institute geschaffen wurde, ist für sich genommen und auf sich allein gestellt nicht lebensfähig. Es hat keine drei oder mehr Köpfe, es weist auch kein menschliches Bewusstsein auf.

Das, was die griechische Mythologie beschreibt, gibt es auch nicht. Nur in unseren Köpfen. Als Schreckbild. Als Dystopie.

Es wäre der deutsche Botaniker Hans Winkler, der den Fachbegriff Chimäre 1908 in Medizin und Biologie einführte, gut beraten gewesen, einen unverfänglicheren Terminus zu ersinnen. Jetzt ist es zu spät. (fvk)

Roboter unter Wasser

Weit sind die Ozeane, tief und geheimnisvoll. Tatsache, sie zählen nach wie vor zu den am wenigsten erforschten Gebieten unseres Planeten – und sind doch in allen Belangen vom Klima über Biodiversität bis hin zur Ernährung der Menschheit essentiell. Nun sind die Ozeane aber auch Umgebungen, die sich so leicht nicht erforschen lassen. Auch nicht mittels Sensoren, die unter Wasser eingesetzt werden. Da ist der Druck, da ist die Korrosion und um die Sichtverhältnisse ist es auch nicht gerade zum besten bestellt.

 Biologische und...                                                                                   

Biologische und...                                                                                   

Aber jetzt ersinnen Forschungseinrichtungen neue Wege, den Meeren ihre Daten zu entlocken. Die submarine Forschung wird Robotern übertragen.

In Nature Communications publizierte dieser Tage Jules Joffe von der University of California San Diego seine Entwicklung eines blumentopfgroßen Tauchroboters.

Nicht die Größe des Roboters ist es, die ihn interessant macht, es ist seine Fähigkeit in Schwärmen eingesetzt zu werden. So dass der Schwarm den Meeresströmungen folgt, Teil des Ozeans wird und Daten von Geschwindigkeit, Richtung bis hin zur Konzentration an Plankton sammelt und weiterleitet.

Im Grunde genommen ganz einfach.

Somit erweitert der Mensch ganz nebenbei die Lebensformen der Ozeane. Zugegeben, um künstliche. Aber immerhin.

Dennoch, das Bild hat etwas für sich: Roboter in Muschelform, die sich am Meeresboden festsetzen und dann und wann in Schwärmen den Ort wechseln; Roboter in Fischform, die in die Tiefe des Meeres abtauchen; Roboter in Seerosenform, die an der Meeresoberfläche treiben – und das alles im koordinierten kommunikativen Zusammenspiel. Eine Gesellschaft künstlicher Intelligenz, die autonom Umweltdaten erhebt, Informationen zu den Einflüssen von Industrie, Tourismus, Verkehr und Bewohnern auf die Wasserwelt.

In der Lagune von Venedig wird exakt dieses übrigens schon umgesetzt. Dort nutzen aMussels Strömungen, um sich von einer Messung zur nächsten fortzubewegen während die wendigen und schnelle aFish als Informationsbrücke zwischen den artifiziellen Muscheln und den aPads, den ebenso artifiziellen Seerosen (die Solarenergie speichern), dienen. Alles in allem ein einzigartig engmaschiges Unterwasser-Monitoring-System, mit dessen Hilfe die vielfältigen Wechselwirkungen innerhalb der Lagune aufgezeigt werden, und die dabei helfen, künftige Schäden zu vermeiden.

 .... künstliche Lebensformen.                                       

.... künstliche Lebensformen.                                       

Unterwassergebiete in Hinblick auf ihre Wasserqualität, Bodenbeschaffenheit und Umwelteinflüsse zu überwachen wird immer wichtiger, gleichzeitig handelt es sich dabei um eine ebenso aufwändige wie kostenintensive Aufgabe. Zumal in Gegenden, die wie die Lagune von Venedig so vielen verschiedenen und intensiven externen Einflüssen ausgesetzt sind.

Der autonome Roboterschwarm vereint nun mehrere Vorteile: Schwarmsysteme sind widerstandfähig, preiswert und extrem anpassungsfähig. Die Kommunikation zwischen den artifiziellen Muscheln, Fischen und Seerosen basiert auf einem Algorithmus, der aus der Kommunikation zwischen sozialen Insekten, Fischen und Schleimpilzen abgeleitet wurde. Eingesetzt werden WLAN, Bluetooth, elektrische Felder und Blinksignale im Nahfeld, aus der Distanz sind es mobile Datenübermittlung und Hydro-Akustik. 

Zudem funktionieren diese Systeme ohne zentrale Steuereinheit, wodurch sie auch dann Aufgaben lösen können, sollten einzelne Einheiten ausfallen. Und: Da der einzelne Roboter im Schwarm über weniger Fähigkeiten verfügen können muss, ist die Produktion der schwärmenden künstlichen Intelligenz günstiger. In den Gewässern rund um Venedig kommen seit Herbst 2016 insgesamt 120 autonome Roboter zu Einsatz. Im Rahmen des über „Horizon 2020“ finanzierte EU-Forschungsprojekts „subColTron“ werden mehr Umweltdaten als zuvor an den verschiedensten Plätzen in der vielseitigen Unterwasserwelt der Lagune gesammelt werden. Einem Schwarm gleicht auch die Mischung europäischer Forschungseinrichtungen, die an diesem Projekt beteiligt ist. Das Artificial Life Lab der Karl-Franzens-Universität in Graz hat die Koordination über, kooperiert wird italienischen, kroatischen, belgischen, französischen und deutschen Instituten. (fvk)

Photos: ©Lance Anderson/Unsplash//© subcoltron/Karl-Franzens-Universität Graz

Die Grammatik der Bewegung

Es ist die Sprache, die Homo sapiens vom Tier unterscheidet. Ein komplex aufgebautes System, in welchem sich kleinere zu größeren Einheiten verbinden, zu Sätzen, zu Aussagen. Sie wird gesprochen, sie wird geschrieben – und sie wird gebärdet. „In der Gebärdensprache“, sagt Franz Dotter, „finden wir alle Erscheinungen, die wir aus gesprochenen Sprachen kennen, eben nur visuell ausgedrückt.“ Sie ist kein Hilfskonstrukt, vielmehr eine vollwertige Sprache, ein Mittel der Kommunikation.

 Eine vollwertige Sprache

Eine vollwertige Sprache

Und doch ist sie in manchen Bereichen schlichtweg terra incognita.

Wie, zum Beispiel, wird in Gebärde betont? Wie erfolgen Segmentierung und Strukturierung von Texten, wenn die Instrumente der Tonhöhe, des Stimmfalls, der Lautstärke nicht zur Verfügung stehen? „Durch Pausen“, so Dotter, „durch Pausen und durch bewusste Hinweise (Anzeiger), wie Blinzeln, durch Haltung der Handflächen, durch Bewegungsveränderungen, Blicke, Kopf- und Körperbewegungen.“

Gestik – der Gebärdensprache evolutionärer Nachbar

Das ist der Kern des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Projekts „Segmentation und Strukturierung von Texten in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS)“, welches Franz Dotter  am Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt leitet. Es bestimmt mithilfe zweier Methoden zur Ermittlung und Analyse manuelle und nicht-manuelle Elemente in gebärdeten Texten. „Wir haben ÖGS- Muttersprachlerinnen und Muttersprachler wie auch Personen ohne ÖGS-Kompetenz angewiesen, gebärdete Texte zu segmentieren und die Anzeiger anzugeben.“ Dabei erweist sich, dass gerade Anzeiger, die mit der Hand vollführt werden und auch Pausen, von beiden Gruppen erkannt werden. Von Personen, die der Gebärde nicht mächtig sind, immerhin zu 40 Prozent.

 Anzeiger mit der Hand werden verstanden

Anzeiger mit der Hand werden verstanden

Anders verhält es sich bei nicht-manuellen Anzeigern, wie Blicken, Kopf- und Körperbewegung, die fast ausschließlich von der Gruppe der Muttersprachler verstanden werden.

„Gebärdensprachen sind immer schon ein Mittel der Kommunikation gewesen; sogar für hörende Menschen“, so Dotter, „das wissen wir aus Australien wie aus Amerika, wo sie für ein Tabu, für etwas, das nicht in gesprochene Worte gefasst werden durfte, eingesetzt wurde, wie auch zur Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen.“ Die Gestik, welche gesprochene Sprachen begleitet, ist in gewissem Sinn ein evolutionärer „Nachbar“ der Gebärdensprachen: Ihre Hand- und Körperbewegungen sind wie die Mimik als sogenannte „Körpersprache“ allüberall vorhanden. Die spazierenden Finger über dem Handrücken, die dem Gegenüber unauffällig den baldigen Aufbruch andeuten, die Geste des Fingers an den Lippen, das Wischen und Wedeln, das Dirigieren, welches unbewusst mit dem Akt des Sprechens einhergeht.

Gebärdensprache – kein Kunstprodukt

Wie die Gebärdensprache gehörloser Menschen entstanden ist, das entzieht sich exakter Bestimmung, erklärt Dotter. „Sie wird wohl schon lange in Gehörlosengemeinschaften gebraucht worden sein. Ab etwa 1770 beginnt von Frankreich ausgehend die systematische Unterweisung von Gehörlosen in Gebärdensprache. Der Unterricht in ihr ist ein Produkt der Aufklärung – und damals schon mit dem Anspruch verbunden, dass wenn es eine Gebärde aus der Gemeinschaft gibt, man keine neue erfinden braucht.“ Gebärdensprache ist kein Kunstprodukt.

1880 indes erfolgt ein Bruch. Gehörlose sollen sprechen, nicht sich der Gebärdensprache bedienen, fordern die „Oralisten“. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebt sie ihre Renaissance und wird als vollwertige Sprache anerkannt. Mit ein Grund dafür, dass sie in der Öffentlichkeit heute als ein neues Phänomen wahrgenommen wird – und damit auch erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand der Forschung ist. „Es ist hochinteressant, in die Entwicklung einer Sprache Einblick zu nehmen“, kommentiert Dotter diesen Umstand.

Nicht-manuelle Elemente – Kennzeichnung spezieller Informationen

Im Zuge des Projekts kamen Dialoge und Monologe, Kurzgeschichten, Witze, freie Erzählungen, Gedankengänge und Lebensläufe zum Einsatz. Während manuelle Zeichen auch für Sprecher in weiten Bereichen erkenn- und zuordenbar sind, verhält es sich bei nicht-manuellen Grenzsignalen der Sprache deutlich anders. Hier kommen Kopfbewegungen wie Nicken, Kopfschütteln oder Kopfbewegungen nach oben, unten oder seitlich, Bewegungen des Oberkörpers bis hin zu Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, Bewegungen der Augenbrauen, der Wechsel der Blickrichtung und Blinzeln zum Tragen.

Damit können Negation, Konditionalität, hypothetische Gedanken oder Alternativen, temporale oder kausale Beziehungen ausgedrückt werden. Also Bereiche, die in der gesprochen Sprache vor allem durch die Intonation, durch Lautstärke und Stimmlage Betonung (im Sinne des Wortes) erfahren.

 Kopfbewegungen als nicht-manuelle Zeichen

Kopfbewegungen als nicht-manuelle Zeichen

Blickrichtung – der Gebärdensprache Grammatik

„Das Team um Andrea Lackner hat die nicht-manuellen Elemente untersucht“, führt Dotter aus, „dazu mussten zum Beispiel erst alle Blickrichtungswechsel verzeichnet werden bevor sie überprüft werden konnten.“ Wo bei Sprechern der Blick bisweilen schweifen kann, ohne dass dem Bedeutung zukommt, kommt dem Blick in der Gebärdensprache die Funktion eines Ankers zu. „Wenn ich ,Haus‘ mit einem Index (einem hinweisenden Zeigewort) im Raum verorte und später in der Unterhaltung dorthin schaue, dann wissen meine Partner immer, dass ich über das Haus spreche“, verdeutlicht Dotter. „Bei Sprechern kann der Blick ein Signal sein, in der Gebärdensprache ist er Bestandteil der Grammatik.“

 Der Blick als Bestandteil der Grammatik

Der Blick als Bestandteil der Grammatik

Die Resultate des Projekts sind essenziell für Gebärdensprachgrammatiken und den typologischen Vergleich zwischen Laut- und Gebärdensprachen. Für den Unterricht in ÖGS stellen die Ergebnisse des Projekts somit einen wesentlichen Beitrag dar. Schlusspunkt ist damit noch keiner erreicht. Dotter: „In Gebärdensprachen ist alles drin. Von alltäglichen Gesprächen und konkreten Begriffen bis hin zu Metaphern, Abstraktionen und akademischem Spezialvokabular.“ – Ein weites Feld. (fvk)

Dieser Artikel ist am 23.01.2017 auf der FWF-Plattform Scilog erschienen.

Alle Photos © Andrea Lackner

Planet im Blick

Auf, auf zu neuen Abenteuern, tief im Weltall. Das ist Donald Trumps Zugang geht es um die künftigen Aufgaben der NASA. Der neue starke Mann im Weißen Haus verbindet damit en passant ein Ende der erdnahen Beobachtung durch die amerikanische Weltraumagentur – zumal jenes Monitorings, welches sich mit den Auswirkungen der globalen Erwärmung befasst. Denn die, so weiß die Welt spätestens seit dem US-Wahlkampf, die gibt es nicht. Mithin gibt es keinen Grund, entsprechende Daten zu sammeln, zu analysieren und zur Verfügung zu stellen. Das ist der neue Ton in Washington DC.

 African Mosaic – 7.000 Aufnahmen von Sentinel 2A zusammengesetzt zu einem wolkenfreien Kontinent.

African Mosaic – 7.000 Aufnahmen von Sentinel 2A zusammengesetzt zu einem wolkenfreien Kontinent.

Szenenwechsel: Brüssel, 7. Dezember 2016, die EU Kommission präsentiert den ersten Marktbericht zum Europäischen Erdbeobachtungssystem Copernicus. Hier ist ein anderer Ton zu vernehmen. Das System, ein Netzwerk basierend auf den sechs Sentinel-Satelliten der ESA und irdischen Messstationen in der Luft, zu Wasser und am Boden, ermöglicht einen detaillierten Blick auf den Planeten.

Nicht nur einen Blick. Aufgabe des Projektes ist es, Daten für Antworten auf eine Reihe essentieller Frage zu bieten. Etwa, wie am besten Bedarf und Verbrauch natürlicher Ressourcen gesteuert und die Umwelt geschützt, wie Sicherheit und Lebensqualität der Menschen garantiert und effektiv auf Naturkatastrophen und Krisen reagiert werden kann; wie wir unser Verständnis der Ursachen und Konsequenzen des Klimawandels verbessern und entsprechende Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen vorbereiten können.

Das besondere an diesem Programm ist der Umstand, dass die generierten Daten nicht nur den Behörden der EU und ihrer Mitgliedsstaaten zur Verfügung stehen, sondern offen zugänglich sind. Auch Unternehmen und Privaten. Kostenlos.

Die im Dezember veröffentlichte Studie, die 2015 in Angriff genommen wurde, zeigt, dass der freie Zugang zu den Daten schon jetzt bei Dienstleistern im Bereich der Erdbeobachtung zehn Prozent zum Jahresumsatz beiträgt. Auf längere Sicht wird ein Anteil von 31 Prozent am Umsatz erwartet.

Damit nicht genug. Das Copernicus-Programm hat über seine Investitionen in die Sentinel-Satelliten und die damit verbundenen Dienstleistungen der europäischen Weltraumindustrie einen Wachstumsimpuls verschafft. Auch in Österreich, wo – nach Angaben des BMVIT als zuständigem Weltraumministerium – über 100 Unternehmen und Organisationen mit etwa 1.000 Mitarbeitern im Weltraumbereich aktiv sind und rund 140 Millionen Euro Umsatz sowie 20 Patente im Jahr generieren.

Der freie Zugang zu den Daten und Dienstleistungen von Copernicus, so die Studie, hat die Entwicklung einer Reihe kommerzieller Anwendungen und Angebote zur Folge, die Dienstleister ebenso wie Endverbraucher unterstützen. Zumal in den Bereichen Klima und Energie, Katastrophen und Krisenmanagement, öffentliches Gesundheitswesen, Stadt- und Regionalplanung, Biodiversität und Umweltschutz sowie Transport und Sicherheit. Den Investitionen in Höhe von 7,4 Milliarden Euro in den Jahren 2008 bis 2020 stehen erwartete Gesamterlöse in der Höhe von 13,5 Milliarden Euro gegenüber.

Um Zugang und Umgang mit Copernicus zu erleichtern unddie österreichische Forschungs- und Entwicklungscommunity zu unterstützen hat das BMVIT einen nationalen Datenzugang eingerichtet. Über diesen werden die Daten der Sentinel-Satelliten des Copernicus-Programms zur Verfügung gestellt. Zusätzlich hat das Ministerium im Kontext der Agentur für Luft- und Raumfahrt der Forschungsförderungsgesellschaft FFG eine Kontaktstelle für Informationen zu Arbeitsprogrammen, Veranstaltungen und zur Vernetzung eingerichtet.

Und dann und wann entstehen dank der Sentinel-Satelliten auch nur einfach beeindruckend schöne Bilder. So wie ein wolkenloses Afrika – zusammengesetzt aus 7.000 Bildern, die Sentinel 2A zwischen Dezember 2015 und April 2016 gemacht hat. (fvk)

@Copernicus Sentinel data (2016), processed by Brockmann Consult/ Université catholique de Louvain as part of ESA’s Climate Change Initiative Land Cover project

Elektronische Persönlichkeit

Diese Einleitung hat was:

A.   in der Erwägung, dass vom klassischen Pygmalion-Mythos der Antike über Frankensteins Monster von Mary Shelley und der Prager Golem-Legende bis zum „Roboter“ von Karel Capek, der dieses Wort geprägt hat, Menschen über die Möglichkeiten phantasiert haben, intelligente Maschinen zu bauen – in den meisten Fällen Androiden mit menschlichen Zügen;

 YuMi – ein kollaborativer Zweiarmroboter von Joanneum Research

YuMi – ein kollaborativer Zweiarmroboter von Joanneum Research

B.   in der Erwägung, dass die Menschheit mittlerweile an der Schwelle einer Ära steht, in der immer ausgeklügeltere Roboter, Bots, Androiden und sonstige Manifestationen Künstlicher Intelligenz („KI“) anscheinend nur darauf warten, eine neue industrielle Revolution zu entfesseln, die wahrscheinlich keine Gesellschaftsschicht unberührt lassen wird, ist es für Gesetzgeber von entscheidender Bedeutung, sich mit sämtlichen Folgen dieser Entwicklung zu befassen;

Mit diesen beiden Feststellungen wird der „Entwurf einer Entschließung der Europäischen Parlaments mit Empfehlungen an die Kommission zu zivilrechtlichen Regelungen im Bereich Robotik“ eröffnet. Es folgen weitere Punkte, in denen in Erwägung gezogen wird, was im Zusammenhang mit Robotik und Künstlicher Intelligenz in Erwägung gezogen werden kann. Es werden Grundsätze formuliert, auf denen ein allgemein gültiges Robotik-Gesetz beruhen kann (und ja, Isaac Asmivos „Robotergesetz“ wird ausdrücklich erwähnt und zitiert), es werden Haftungsfragen erörtert und Grundlinien zur Entwicklung der Robotik und Künstlichen Intelligenz zur zivilen Nutzung festgehalten.

Auf 26 Seiten unterbreiten der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments und Berichterstatterin Mady Delvaux den Abgeordneten und der Kommission ein in jeder Hinsicht lesenswertes Dokument: Weil es schlicht und einfach um eine der dringlichsten Fragen unserer unmittelbaren, mittel- und langfristigen Zukunft geht, darum, wie wir mit Künstlicher Intelligenz in allen ihren Erscheinungsformen umgehen.

Diese Debatte wird nach wie vor nur am Rande geführt, ist meist auf Teilaspekte reduziert und wird zudem von vielen nach wie vor als Science Fiction wahrgenommen. Hier nun haben die Abgeordneten bemerkenswertes geleistet: Es liegt ein verständlicher, lebensnaher Text vor, versehen mit höchst interessanten Anregungen.

 Abgeordnete und Berichterstatterin Mady Delvaux

Abgeordnete und Berichterstatterin Mady Delvaux

Auch was die potentiellen physischen und moralischen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft betrifft. So ventiliert der Ausschuss einen speziellen rechtlichen Status für Roboter, eine Art „elektronische Persönlichkeit“. „Zumindest dann, wenn es um den Schadenersatz geht. Das entspräche einem ähnlichen Modell, welches wir nun für Unternehmen haben“, sagt dazu Delvaux in einem Interview mit dem Aktuellen Dienst des EU-Parlaments. Ebenso beschäftigt sich der Ausschuss mit den emotionalen Bindungen, die Menschen zu Robotern aufbauen können. Delvaux: „Zunächst muss man den Menschen deutlich machen: Ein Roboter ist kein Mensch und wird nie einer sein. Ein Roboter kann vielleicht ein gewisses Einfühlungsvermögen zeigen, aber er kann sich nicht in jemanden hineinversetzen. Wir möchten keine Roboter wie in Japan, die wie Menschen aussehen. Wir haben eine Charta vorgeschlagen, die fordert, dass Menschen nicht emotional abhängig gemacht werden dürfen. Man kann physisch abhängig sein, wenn ein Roboter bestimmte Aufgaben übernimmt. Man sollte jedoch nie glauben, dass ein Roboter Gefühle haben kann.“

Das Dokument liegt vor. Die Abgeordneten haben die Basis für eine breite und sachliche Debatte geschaffen. Jetzt liegt es an der Öffentlichkeit, diese Chance aufzugreifen.

Es ist hoch an der Zeit. (fvk)

 

 

Isaac Asimovs „Robotergesetz“ (1942 als „Grundregeln des Roboterdienstes“ in der Kurzgeschichte „Runaround“ erstmals festgehalten und 1983 im Roman „Der Aufbruch zu den Sternen“ um die Regel Null ergänzt.)

Asmivos Regeln:

1) Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2) Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.

3) Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, so lange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

0) Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.

Photos: ©Joanneum Research/Bernhard Bergmann (1)|Wikimedia/LASP (1)

Der Daten tiefes Wissen

Erkenntnisgewinn durch Big Data? Angesichts der rasant zunehmenden Dichte an Information, mit der Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft konfrontiert sind, scheint das Fragezeichen berechtigt. „Der Erkenntnisgewinn durch die Dichte der Daten ist enorm“, sagt indes Stefanie Lindstaedt, Leiterin des Know-Centers in Graz.

 Fragen um zu wissen.

Fragen um zu wissen.

„Es ist ein Unterschied, ob Blutdruckwerte nur einmal im Jahr erhoben werden oder täglich. Denn im zweiten Fall zeichnen sie durch ihre Dichte ein ganz anders Bild, ein sehr viel tieferes, informativeres.“ Und führt man dann auch noch unterschiedliche Datenströme zusammen, dann beginnt sich das Bild noch mehr zu differenzieren, sind Muster erkennbar, die zuvor nicht aufgefallen sind, sind Lösungen denkbar, die bis dahin nicht einmal erahnt wurden.

Das ist, kurz umrissen, die wunderbare Welt von Big Data. Wobei der Begriff an sich ein wenig unglücklich wirkt, zu sehr an den Big Brother erinnert, an die allumfassende Überwachung und damit an Einengung und Kontrolle.

Stefanie Lindstaedt legt Widerspruch ein. Big Data, sagt sie, ist ein Werkzeug, das Türen zu neuen Möglichkeiten öffnet und damit auch neue Freiheiten ermöglicht. Nur, Big Data muss gezielt und bewusst genutzt werden, und zwar von Leuten, die wissen mit diesen Werkzeugen umzugehen. Damit setzte sich im Oktober 2016 unter anderem die i-Know, die internationale Data-driven Future Conference, auseinander.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden die verschiedensten mit Big Data verbundenen Lösungen und Zugänge präsentiert. Das reicht von Finanzprodukten, die Kunden helfen, ihre Finanzen besser zu verstehen, über Möglichkeiten, dem Kostendruck in der Zivilluftfahrt gezielt entgegenzuwirken bis hin zu einem Netzwerk von 55 europäischen Forschungs- und Kompetenzzentren im Bereich Big Data, die gemeinsam die Forschung in Europa vorantreiben und Synergien nutzen wollen (ein Verbund, in dem das Know-Center eine zentrale Rolle spielt).

Und doch geht es nicht alleine um die Auswirkungen auf Unternehmen und Forschung. Big Data hat, und dessen waren sich die Teilnehmer des Kongresses sehr bewusst, Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen. Big Data verändert die Arbeitswelt.

Wolfgang Zitz, Werksleiter von Magna Steyr in Graz, implementiert gerade eben eine „Smart Factory“ und sieht aus der Praxis heraus neue Arbeitsfelder entstehen ebenso wie Erweiterungen bestehender Berufe.  Volker Markl, vom Berlin Big Data Center, sekundiert ihm und ortet die aktuell größte Herausforderung für Unternehmen in Bezug auf Big Data im „akuten Mangel qualifzierter Data Scientists auf breiter Ebene“.

Die Gesellschaft befindet sich auch in dieser Hinsicht also in einer Situation des Umbruchs, konstatiert Lindstaedt. „Wir müssen lernen, mit den Daten umzugehen, sie gezielt zu nutzen, um sie als ,Treibstoff‘ für Innovationen einzusetzen.“ Im Grunde verhalte es sich derzeit wie in Platons Höhlengleichnis, „wir nehmen nur einen Datenschatten wahr“. Der bewusste Umgang aber führe dazu, dass die „Daten eine erweiterte Wahrnehmung ermöglichen, sie fungieren wie ein zusätzliches Organ, wobei sie nicht der einzige aber eben ein weiterer, erweiternder Kanal sind“.

Um sie so in aller Selbstverständlichkeit und Souveränität nutzen zu können, braucht es auch eine andere Art des Lernens. In einer Welt der Daten und Informationsflut gilt es vor allem Fragen stellen zu können, die in einen Erkenntnisgewinn resultieren. Wie man Big Data Technologien für das Tagtägliche Lernen am Arbeitsplatz, im Alltag aber auch an Hochschulen und Schulen nutzbringend einsetzten kann, damit befasst sich das EU-Projekt AFEL (Analytics for Everyday Learning), welches vom Know-Center gemeinsam mit seinen Projektpartnern GNOSS (Spanien), Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen und der Leibniz Universität Hannover (beide Deutschland) sowie der Open University (Großbritannien) getragen wird. „Im Grunde“, so Mathieu d´Aquin, wissenschaftlicher Leiter von AFEL, „geht es darum, Daten so zu personalisieren und zu individualisieren, dass es zu einer Konversation zwischen Daten und User kommt.“ Zu einem andauernden informellen Lernprozess. Zu einem Erkenntnisgewinn. (fvk)

 

Photo © Jonathan Simcoe/Unsplash

Wer die Wahl hat ...

Und täglich grüßt das Murmeltier: Wohlfahrtsstaat, Wirtschaft und Integration – diese Themen sind Klassiker österreichischer Wahlauseinandersetzungen. Das waren sie 2008, das waren sie 2013, das werden sie aller Voraussicht nach auch bei den kommenden Nationalratswahlen sein. „Diese Themen, vor allem soziale Gerechtigkeit und Wirtschaft, waren auch schon früher wichtig“, merkt die Politikwissenschafterin Sylvia Kritzinger von der Universität Wien an. – In den 1970er Jahren und zuvor. Und doch hat sich grundlegend etwas geändert.

„Früher wurde klarer entlang ideologischer Muster gewählt, entsprechend der sogenannten ,class cleavages’, wer aus der Arbeiterschaft kam, für den war es im Großen und Ganzen keine Frage, wen er wählen würde. Ebenso wie es für Landwirte und Unternehmer keine Frage war. Wahlausgänge waren viel vorhersehbarer“, so Kritzinger. Seit den 70er Jahren aber lösen sich die strengen Zugehörigkeiten auf. „Das hat mit dem Entstehen der Mittelklasse zu tun, die sich nicht mehr in erster Linie einer Partei und deren Themen zugehörig fühlt, und die damit von Stamm- zu Wechselwählern werden. Für die also Themen und Themengewichtung an Bedeutung für ihr Votum gewinnen.“

Wahlen werden als Hochamt der Demokratie bezeichnet. Sie sind die Zuspitzung der öffentlichen Debatte, sie formen die politische Agenda, sie beeinflussen die Zusammensetzung in Parlamenten und Regierungen. In gewisser Weise gleichen sie einer Fieberkurve der politischen Auseinandersetzung. Hier kommt geballt auf den Tisch, was wichtig ist, was die Menschen bewegt. Sie sind zudem eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der Parteien mitsamt ihren Kandidatinnen und Kandidaten auf derAngebotsseite, Wählerinnen und Wähler auf der Nachfrageseite sowie die Medien als Vermittler in Wechselwirkung zueinander stehen. Dass Wahlen sozialwissenschaftlich analysiert werden, hat in etablierten Demokratien Tradition.

Die Wahlen in dem beschriebenen Beziehungsdreieck zu analysieren, dieser integrierende Ansatz ist indes wissenschaftliches Neuland, welches die Österreichische Nationale Wahlstudie (Austrian National Election Study – AUTNES) mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF betreten hat.

„Unsere Forschung zeigt, dass die Wichtigkeit des Themas mehr und mehr die Wahl der Partei beeinflusst“, erläutert Kritzinger, die als Leiterin des Projektteils „Wahlverhalten“ in dem FWF-Projekt fungiert.

Für die Wählerinnen und Wähler ist das nicht notwendigerweise ein einfacher Prozess. „Es kann Menschen geben, für die beispielsweise das Thema der Arbeitsplatzsicherung wichtig ist. Die dieses Feld wiederum mit Migration in Verbindung setzen, mit einem erhöhten Druck durch Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt“, schildert Kritzinger. In diesem Fall komme es dann darauf an, welches Thema aus Sicht der Person gewichtiger ist. „Cross pressured vote“ nennt die Fachliteratur dieses Phänomen, in welchem sich Wählerinnen und Wähler für ein Thema entscheiden müssen.

„Aus diesem Grund streben Parteien danach, ,Issue Owner‘ zu werden, das heißt, die höchste Kompetenz in einem bestimmten Bereich zu besitzen. So sehr, dass ihnen keine andere Partei gefährlich werden kann. Sie können dazu auch neue Themen erschließen und besetzen, dann werden sie als ,Issue Entrepreneurs‘ bezeichnet, was, Erfolg vorausgesetzt, wiederum mit der höchsten Glaubwürdigkeit einhergeht“, so Kritzinger.  Den politischen Konkurrenten bleibt dann nicht viel mehr, als zu reagieren. – Ein strategischer Nachteil.

„Es verhält sich wie bei Unternehmen, wer mit einem Produkt zuerst am Markt ist, der dominiert“, zieht Kritzinger einen Vergleich mit der Wirtschaft. Und wie bei Unternehmen können Marktlücken entstehen. „Durch die Koalition mit der SPD hat die CDU ihre rechte Flanke geöffnet, da sie strategisch linke Positionen besetzt hat“, wirft die Wissenschafterin einen Blick ins benachbarte Ausland. „Dadurch ergab sich für die AfD die Möglichkeit, bestimmte Positionen und Themen zu besetzen.“

In Österreich, konstatiert sie, sei momentan zu sehen, wie Themen reaktiviert werden. In diesem Fall durch die SPÖ, die durch die neue Parteispitze offensiv traditionelle Positionen wieder stärker besetzt, um ihre „Ownership“ bestimmter Themen zu betonen. „Es geht in der Politik um die Kunst des Themen-Settings“, fasst sie zusammen.

Anhand der Daten, die AUTNES seit 2008 zu Nationalrats- und EU-Wahlen erhebt, lassen sich diese Entwicklungen beobachten und in der Tiefe nachvollziehen. „Es ist ein dauerndes Monitoring der Republik und ihrer Gesellschaft, wir können aufzeigen, welche Themen wichtig sind, ob sie von Innen oder von Außen gekommen sind, beispielsweise durch die EU.“ Es können auch regionale Themen sein, die überraschend bei einer Nationalratswahl zum Tragen kommen. „2013 waren es eben Wirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Migration, in Wien wurde aber auch die Mariahilfer Straße als wichtiges Thema wahrgenommen.“ Selbst wenn sie im Parlament nicht verhandelt wurde, präsent war die Einkaufsstraße im Bewusstsein vieler Wählerinnen und Wähler allemal.

So entsteht durch die Arbeit von AUTNES gleichsam ein höchst detailliertes Psychogramm Österreichs und seiner Gesellschaft, ein Profil seiner Entwicklung und Veränderung. „Wir stehen am Beginn eines langfristigen Projekts, durch das es in 20 Jahren oder noch später möglich sein wird, die Frage zu beantworten, wieso sich Einstellungen verändern, wie Themen an Gewicht gewinnen oder verlieren, welche Faktoren welche Rolle spielen.“ (fvk)

Dieser Beitrag erschien am 28.11.16 auf der FWF-Plattform Scilog.

Photos © Parlamentsdirektion/Thomas Topf