Wir sind beeindruckt

Das ist provokant: Eine Seite 1 nur mit Text gefüllt. Mit einem Leitartikel und einer Meldung. Und sonst nichts. Kein grafisches Element, kein Aufmacherfoto, nicht einmal eine Karikatur, stattdessen geballte Information. In die Tiefe gehend, Standpunkte formulierend. So gibt sich die Neue Zürcher Zeitung jeden Samstag. Fast, als hätte sich seit 1780, ihrem Gründungsjahr, nichts Wesentliches verändert.

Dem ist natürlich nicht so. Ganz im Gegenteil. Allenthalben leiden gedruckte Zeitungen unter Leserschwund und digitalem Konkurrenzdruck. Schnell soll die Information verfügbar sein, im Wisch-und-weg-Modus sowie appetitlich portioniert. Konsumierbar im Vorübergehen. News to go, gewissermaßen.

© Julia Sabiniarz / unsplash.com

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Notabene gratis.

Kein Zeitungshaus, welches darunter nicht gelitten hätte oder immer noch leidet. Reihenweise verabschieden sich Titel aus unserem Alltag, manche leise und unauffällig. Andere wieder nach zahllosen Anläufen sich neu zu erfinden, als Internet auf Papier oder als auf Krawall gebürstetes Skandal- und Revolverblatt. In rauen Mengen freihand verteilt im öffentlichen Raum. Schnell überflogen, schnell vergessen. Ein hektisches Aufbäumen gegen das Unabwendbare, den Verlust der einstigen Position.

Print ist tot, formulierte vor Jahren wieder und immer wieder Terence Lennox, das grandios-bissige alter ego des Wiener Fotografenautors Manfred Klimek.

Und nun das: Die Tageszeitung lebt.

Gut, das ist ein wenig zu allgemein. Etwas zu positiv gestimmt. Formulieren wir es präziser. Die traditionsreichen Tageszeitungen leben wieder auf. Es sind die alten Damen, die sich ihrer Stärken besinnen, ihrer Krisen, die sie bereits durchlebt haben, ihrer Möglichkeiten. Die Neue Zürcher als unbeirrbar distanziertes Blatt, zum Beispiel. Wider die unentwegte Aufgeregtheit der Welt und stets alles im Blick.

Dazu eine Anekdote. Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fällt und weltweit Schlagzeilen nach sich zieht, da würdigt die NZZ das Ereignis lediglich mit einer kurzen Meldung auf Seite 1. Es sei absehbar gewesen, erklären die zuständigen Redakteure später, mithin für jeden versierten Beobachter alles andere als eine Überraschung. Und eben keine Schlagzeile wert. Das ist zeitungsgewordener Stoizismus. Daran hat sich nichts verändert.

© Kevin Grieve / unsplash.com

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Dem Guardian liegt die Ruhe hingegen gar nicht im Blut, so wenig wie seinem Publikum. 1821 in Manchester gründet, schlägt er sich verlässlich auf die Seite der werktätigen Massen, versteht sich in jeder Hinsicht als kritisches, linksliberales Blatt, durchaus als Plattform großer Kampagnen.

Er insistiert, untersucht, gräbt tief und fragt nach. Die NSA-Affäre, die Paradise-Papers, die Privatkorrespondenz von Prinz Charles ebenso wie die Verwerfungen innerhalb der Labour Party sind seine Themen. Und noch viel mehr. Er ist ein, er ist das streibare Kultur- und Debattenblatt, provokant und Pulitzerpreisgekrönt.

Das verleiht Glaubwürdigkeit, die wichtigste Währung im Verhältnis zu den Lesern. Für den Guardian geradezu überlebensnotwendig, denn seine Printausgabe wird nur 140.000-Mal verkauft und erreicht in Großbritannien gerade mal 780.000 Leser. Längst lebt das Blatt von seiner Onlinepräsenz, längst ist die digitale Ausgabe zu einem globalen Blatt geworden, zum Umsatzträger dank freiwilliger Spenden hunderttausender Leser. Und längst schon wurde die Printausgabe geschrumpft, aufs handlichere Tabloid-Format, bunt und dick und durchaus laut.

Das unbedingte Entweder-Oder, Print oder Digital, das gilt nicht mehr. Die Vorteile und Möglichkeiten des Publizierens online stehen außer Diskussion. Die gedruckte Tageszeitung wird mithin zu einer Haltungsfrage, ja, auch zu einem Statement gegenüber sich selbst und der Welt. Wer eine Zeitung zu Hand nimmt, wer sich auf das haptische und auch immer noch olfaktorische Erlebnis einlässt, wer zwischen den Seiten und in den Nachrichten versinkt, kommt in den Genuss einer höchst konzentrierten kognitiven Aufnahme. Es ist hinlänglich und wissenschaftlich fundiert erwiesen, dass was auf Papier gelesen besser verstanden und gemerkt wird. Die gedruckte Tageszeitung als Halt in der Welt, sie besser zu verstehen.

Daran arbeiten nicht weniger als 1.400 Redakteure und Redakteurinnen im von Renzo Piano gestalteten New York Times-Tower in Manhattan. Dazu gesellen sich noch rund 100 Männer und Frauen in der Meinungsredaktion, denn nichts trennt die 1851 gegründete NYT strikter als Meldung und Kommentar.

Und kaum eine andere Zeitung verlangt von ihren Lesern einen Kommentar von Seite 1 auf Seite 10, die Aufmachergeschichte auf Seite 3 im Blattinneren fertigzulesen, weshalb man beim Blättern schon einen Eindruck von all dem erhält, was einen noch in diesem Weltblatt erwartet.

Und ein Weltblatt ist sie, die New York Times. Eine Ikone. Rank und schlank und hochgewachsen in ihrem Format, nur eben etwas eigenwillig in der Leserführung, aber ein Genuss. Ein Blatt, mit dem man sich gerne auch nur schmücken wollte, sozusagen als Accessoire. Sie atmet auf eine ganz spezielle Art und Weise Eleganz und Weltläufigkeit, sie ist wie ein Versprechen darauf, dass alles sich klären wird. Weshalb sie eben kein harmloser Gegenstand der Mode ist, als vielmehr einer der demokratischen Debatte, des versierten Diskurses, der fundierten und überlegten Kritik, die nichts und niemanden ausnimmt. Und deren sprachliche Brillanz sich eben gerade auf den gedruckten Seiten so unwahrscheinlich eindrucksvoller ausnimmt als im digitalen Kleid (wiewohl die NYT längst schon die Potentiale digitalen Erzählens und Publizierens ausschöpft).

Es ist mit den gedruckten Exemplaren etwas Widersprüchliches. Nichts, so das Sprichwort, ist so alt wie die Tageszeitung von gestern. Das war vor 100 Jahren schon richtig, das hat in Zeiten von Radio und TV noch mehr an Geltung gewonnen, das stimmt in Zeiten digitaler Information noch viel mehr. Trotzalledem hält sich das Druckwerk hartnäckig und will und will nicht einfach weichen.

Aus gutem Grund. Jedes Zeitungsexemplar wird im öffentlichen Raum auch wahrgenommen. Das Kleinformat geradeso wie die, im Wortsinn, großen Blätter. Hier konkurrieren sie um Aufmerksamkeit, um Anerkennung und Debattenhoheit. Sie sind eine tagtägliche plakative Demonstration einer bestimmten Haltung gegenüber der Welt, nicht notwendigerweise politisch simpel auf links oder rechts gestrickt, als vielmehr in Hinblick darauf, wie differenziert das Zeitgeschehen wahrgenommen wird. Selbst wenn der Leser dann hinter dem Blatt zu verschwinden scheint.

© Andris Romanovskis / unsplash.com

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Ein erprobtes Sujet, nebenbei bemerkt. Ein Mensch, der hinter seiner Zeitung verschwindet, zuordenbar nur durch die Umgebung. Aber wichtig und zentral die Botschaft, dass dahinter, hinter dem Großformat und damit hinter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein kluger Kopf steckt. Was sonst?

Ausgerechnet die konservative, die große bürgerliche Zeitung Deutschlands hat sich früh schon als innovativ erwiesen. Ihr Feuilleton als Tummelplatz freier Geister und das ganze Blatt als Statement Frank Schirrmachers, der, als Craig Venter das menschliche Genom entziffert, die ganze lange Buchstabensuppe abdrucken lässt. Und damit ganz en passant verkündet, dass nun neue Zeiten anbrechen, Zeiten, in denen kein Stein auf dem anderen bleiben wird.

Wo die New York Times in die Höhe strebt, der Guardian Stellung bezieht und die NZZ sich in Äquidistanz übt, da geht die FAZ lustvoll in die volle Breite der aktuellen Debatten, wortgewaltig, stilerprobt und unverblümt.

Das alles geht auf Papier tatsächlich besser. Es hat mehr Gewicht. Es sorgt für ein Rauschen im Blätterwald, für das Knistern in der Auseinandersetzung, für ein sattes Flapp um ein Argument zu unterstreichen. Es ist schwarz auf weiß festgehalten, bereit, abgelegt zu werden, in Büchern zu verschwinden um nach Jahren vergilbt aber immer noch erhellend wiederaufzutauchen. Eine Rezension, gar von Marcel Reich-Ranicki, verliert nicht über die Jahre, sie gewinnt.

Sich neu zu definieren in Zeiten des Wandels, das ist der Wiener Zeitung geradezu in Fleisch und Blut übergegangen. 1703 gegründet, als Wiener Diarium, gilt sie als die älteste noch existierende Tageszeitung der Welt. Gleichzeitig ist sie das offizielle Organ der Republik Österreich, Ort aller Pflichtveröffentlichungen, geschmäht als Beamtenblatt, als dröge, fade und entbehrlich. Tatsächlich steht sie unter Druck, sich ganz und gar frisch zu etablieren, wirtschaftlich solide – ohne die bisher garantierte Einnahmequelle. Sie tut es dezent, als sie, ganz wie die anderen großen alten Damen der Zeitungswelt, den Gedanken Raum gibt. Ruhig und gelassen, fundiert und ausgewogen, wie es von ihr erwartet wird. Ein Blatt, das über die Jahre zu einem Debattenblatt geworden ist, mit Hintergrund und Sachverstand. Online gerade einmal in Sparversion vorhanden, aber vielleicht auch gerade deswegen für Überraschungen gut.

Um noch einmal auf Terence Lennox zurückzukommen: Im April dieses Jahres meldete er sich auf Einladung der Redaktion via derstandard.at zu Wort und konstatierte eine Sehnsucht nach dem Analogen: „Denn das Analoge wird das Besondere sein, das Alleinstehende, das Singuläre, das die Person auszeichnet, die es im Gebrauch hat und diesen Gebrauch lebt. Print lebt also.“  Dem ist nichts hinzuzufügen. (FKSK)

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Diners Club Magazin, Ausgabe 3/2019

Afrikanische Perspektiven

Es ist, aus europäischer Warte, eine klare Sache und Afrika ein taumelnder, ein stürzender, ein brandgefährlicher Kontinent. Tummelplatz maßloser Diktatoren, Schauplatz unzähliger archaischer und blutiger Konflikte, Ursprung einer alle Dimensionen sprengenden Migrationsbewegung. Vielleicht sogar, für manche sicher, das Ende Europas.

Es gibt, so viel Ausgewogenheit muss sein, auch noch eine zweite Variante europäischer Sichtweise auf Afrika. In dieser ist der Kontinent Heimstatt einer einzigartigen Flora und Fauna, die die Afrikaner nicht in der Lage sind zu bewahren, weswegen es europäischer Unterweisung bedarf.

Und, es wird die Klage laut, die Afrikaner verkauften sich, ach was verkaufen, sie würfen sich China bedenkenlos an die Brust, nähmen sehenden Auges (und gegen viel Bares) eine zweite Kolonisation in Kauf. Diesmal eben durch Fernost. Das schmerzt die Europäer, denn sie meinen es nur gut mit Afrika, dem verlorenen Kontinent. Wenn doch nur die Afrikaner endlich die guten Intentionen Europas verstünden.

Wenn doch nur die Afrikaner endlich die guten Intentionen Europas verstünden.  © Trevor Cole / Unsplash.com

Wenn doch nur die Afrikaner endlich die guten Intentionen Europas verstünden.
© Trevor Cole / Unsplash.com

Es ist das Verhältnis zwischen Europa und Afrika tatsächlich schwierig. Nicht nur der Vergangenheit wegen. Es ist schwierig, eben aus dem Grund, dass sich die Sicht des Nordens auf den Süden nur wenig geändert hat im Laufe der Jahrzehnte. Diese Perspektive besagt, dass den Afrikanern geholfen werden muss. In der wirtschaftlichen Entwicklung, im Aufbau von Strukturen und Infrastrukturen, in letztlich allen Belangen von Bedeutung. Diese Perspektive fokussiert beharrlich auf das Bild eines ruralen Afrika, auf staubige Hütten am Rande noch staubigerer Straßen, auf große, leidende Kinderaugen, auf Armut und Zukunftslosigkeit. Hier gilt es Brunnen zu bohren, Ziegen zu verschenken, kleine Werkstätten zu etablieren und zu unterrichten.

Ausgespart bleibt das Leben in Luanda, der angolanischen Hauptstadt, einer der teuersten Metropolen der Welt. Modern, pulsierend, im Aufbruch. Ausgespart bleiben Städte wie Nairobi (es sei denn, es geht um die Slums) oder Maputo, ausgespart bleiben Johannesburg (es sei denn, man braucht ein Beispiel zur Illustration von Kriminalität) und Durban.

Kommen in Europas Sicht nicht vor, die afrikanischen Metropolen. © Marlin Jackson / Unsplash.com

Kommen in Europas Sicht nicht vor, die afrikanischen Metropolen. © Marlin Jackson / Unsplash.com

Ausgespart bleiben die Errungenschaften vieler afrikanischen Gesellschaften und Staaten seit 1989. Denn, auch das wird von Europa aus kaum und nur sehr am Rande wahrgenommen, mit dem Ende des Kalten Krieges gehen die Stellvertreterkriege der Blöcke in Afrika zu Ende. Während in Europa Vaclav Havel als Symbol eines neues Zeitalters gefeiert wird und Bill Clinton dazu auf dem Saxophon die amerikanische Begleitmusik gibt, fallen in Afrika die Diktatoren. In Malawi wie in Sambia etablieren sich demokratische Regime, der Bürgerkrieg in Mosambik endet in einem vorerst fragilen Frieden so wie jener in Angola. In Tansania und in Kenia entwickeln sich demokratische Oppositionskräfte, Wahlen werden zu Wahlen. Machtwechsel demokratischer Natur finden statt.

Europa blickt unterdessen begeistert auf Südafrika und Nelson Mandela. Und entgeistert auf den Genozid in Ruanda. Später dann auf Simbabwe und seinen altersstarren Präsidenten Mugabe. Da werden dann doch wieder Stimmen laut in Europa, die fragen, ob der Kolonialismus denn in der Tat so schlecht gewesen wäre.

Mehr ist nicht. Wenigstens nicht viel mehr.

Entwicklungen, die Europa zu verschlafen droht. © Benny Jackson / Unsplash.com

Entwicklungen, die Europa zu verschlafen droht. © Benny Jackson / Unsplash.com

Dieser Tage hat der US-amerikanische Think Tank Brookings Institution ein paar Zahlen, Daten und Fakten zu Afrika zusammengefasst. Sie skizzieren eine Entwicklung in Afrika, die Europa schlichtweg zu verschlafen droht.

Seit 2015, so die Autoren des Beitrags, Landry Signé und Ameenah Gurib-Fakim, zählte Afrika mehr als 27 Machtwechsel durch demokratische Wahlen, Staaten wie Mauritius, Botswana, Kap Verde, Namibia und Ghana gelten als politisch stabile, demokratische Länder, andere wie Südafrika, Sambia, Malawi und Äthiopien als aufstrebende Demokratien.

Seit dem Jahr 2000 ist in 34 Staaten, in denen 72 Prozent aller Afrikaner leben, die verantwortungsbewusste Regierungsführung (Good Governance) substantiell gesteigert worden. Binnen der letzten zehn Jahre wurden Bereiche wie gesellschaftliche und politische Teilhabe sowie Rechtsstaatlichkeit deutlich verbessert, im Laufe der letzten fünf Jahre zudem Bereiche wie Transparenz und Verantwortlichkeit.

Es verändert sich etwas, und es verändert sich rasch. © Alex Paganelli / Unsplash.com

Es verändert sich etwas, und es verändert sich rasch. © Alex Paganelli / Unsplash.com

 Nein, damit ist bei weitem nicht alles gut. Der Bürgerkrieg im Kongo, die immer noch angespannte, um nicht zu sagen enttäuschende Situation in Simbabwe, die nach wie vor grassierende Korruption in vielen Ländern, die drohende Ausrottung von Nashörnern, Elefanten und Löwen durch organisierte Wilderei, das alles ist real und gegeben. Aber: Diese Themen treiben die afrikanischen Gesellschaften um. Tragen dazu bei, dass sich zivilgesellschaftlich Initiativen bilden, oftmals getragen von Frauen, die nach Verantwortung streben und sie wahrnehmen.

Und Verantwortung nehmen die afrikanischen Staaten tatsächlich wahr. Nirgendwo zählt man mehr Flüchtlinge als in Afrika, und doch streben sie nicht einfach alle nach Europa. Allein Uganda, Äthiopien und Kenia beherbergen rund 2,8 Millionen Flüchtlinge und versorgen sie, allen Mängeln zum Trotz.

In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass, trotzdem 2017 in Summe 18 Konflikte in und zwischen afrikanischen Ländern gezählt wurden, selbiges Jahr jenes mit den neuntwenigsten Opfern seit 1950 war.

Noch ein paar Fakten: Seit 1995 ist die chronische Mangelernährung von Kindern unter fünf Jahren um zehn Prozentpunkte zurückgegangen, hat der allgemeine Gesundheitszustand von Kindern zugenommen, steigen – trotz HIV und Malaria – dank verbesserter Behandlungen Lebenserwartung und die Aussicht auf ein qualitätsvolles Leben.

Es gibt sie, die guten Nachrichten aus Afrika. Man muss sie nur hören. © Paul Zoetmeijer / Unsplash.com

Es gibt sie, die guten Nachrichten aus Afrika. Man muss sie nur hören. © Paul Zoetmeijer / Unsplash.com

Parallel dazu steigt die Zahl jener Kinder, denen ein Schulbesuch möglich ist. Von 60 Millionen im Jahr 2000 auf 150 Millionen 2017. Die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen ist seit 1995 um zehn Prozentpunkte angestiegen, vor allem und in erster Linie unter Frauen.

Apropos, in elf afrikanischen Staaten halten Frauen mindestens ein Drittel aller Parlamentssitze – mehr als in Europa oder in den USA.

Das ist, zugegebenermaßen, eine Momentaufnahme. Freilich eine, die einen anderen Blickwinkel wenigstens ermöglichen sollte. Auf Afrika, als einen Kontinent der Hoffnung, der Möglichkeiten.

Konzentriert sich Europa weiterhin auf die „Bad News“ und auf das Szenario einer ungebremsten Migration zu seinen Lasten, verliert es notwendigerweise Zugang zu Afrika und die Potentiale einer zukunftszugewandten Partnerschaft. (FKSK)

Lulu – Tod eines Orcas

Ich habe sie gesehen, Lulu, eine der Orcas der – in Großbritannien, zumal in Schottland – legendären „West-Coast-Community“. Ich habe ihre Rückenfinne gesehen, ihren Rücken, ihren Körper, der wieder und wieder durch die Wellen vor der Isle of Skye gebrochen ist. Und ich war glücklich.

Orcas © Frank Busch / Unsplash.com

Orcas © Frank Busch / Unsplash.com

Auch weil ich wusste, dass es ein Privileg war, diese Tiere zu sehen. Im Frühherbst 2013 erklärte mir die Meeresbiologin Olivia Harries, dass die Reproduktionsrate der Herde zu gering sei, als dass das Überleben dieser Gruppe auf lange Sicht gesichert sei. Vor allem aber: Die Tiere seien allesamt hochgradig vergiftet. Die Forscher wüssten, dass die Orca extrem hohe Konzentrationen an PCB (Polychlorierte Biphenyle – einer hochtoxischen und krebserregenden organischen Chlorverbindung) in ihrem Blubber aufwiesen. Das sei bei toten Exemplaren nachgewiesen worden. „Sie sterben aus“, Olivia Harries machte keine großen Worte darum. Die Trauer darüber war dennoch spürbar.

Im Jänner 2017 wurde Lulu tot am Strand von Tiree aufgefunden. Sie hatte sich in Leinen von Lobsterkäfigen verfangen und nicht mehr befreien können. Trotzdem wurde eine Untersuchung angeordnet. Die Ergebnisse wurden dieser Tage öffentlich gemacht.

Demnach ist die 20 Jahre alte Lulu, der am „stärksten vergiftete Meeressäuger“, den britische Wissenschaftler je zu obduzieren hatten. Lulus Blubber wies 950 Milligramm PCB pro Kilo auf – der Grenzwert liegt bei neun Milligramm PCB pro Kilo. Ab diesem Wert kann es zu nachhaltigen Schädigungen der Tiere kommen.

Das erklärt möglichweise auch, weshalb Lulu trotz ihrer 20 Jahre nie ein Kalb geboren hat. Und es erklärt wohl auch, weshalb die „West-Coast-Community“ nicht mehr den Hauch einer Chance hat zu überleben.

Ich habe Lulu gesehen. Für kurze Zeit nur.

Lulu vor der Isle of Skye © Privat

Lulu vor der Isle of Skye © Privat

Der Herbst kam früh 2013, mit Windstärke 9 von Süd-Südwest fegte er schon Ende August durch die Inselwelt der Hebriden an der Westküste Schottlands. Er wühlte die See auf, brachte Regen mit sich und Kälte. Es ist dann nicht gerade einfach, an Deck der „Silurian“ vorne am Mast zu stehen und zwischen den Wogen, inmitten von Gischt und Brechern die Finnen von Schweinswalen auszumachen und zu melden. Oder die von Riesenhaien, von Tümmlern oder gar von Orcas. Doch gerade aus diesem Grund stehen zwei Expeditionsteilnehmer am Mast, gesichert durch eine Leine, und halten sich fest. Durchforsten die aufgewühlte See nach Sichtungen, die sie weitergeben.

Sie sind Freiwillige. Im zivilen Leben gehen sie in London, Chicago oder Cambridge ganz normalen Berufen nach. Sitzen in Büros, arbeiten in Spitälern, fallen nicht weiter auf. Jetzt finden sie sich, in Ölzeug gehüllt, mit warmen Handschuhen und Mützen ausstaffiert, auf See wieder. Als Teil eines großen Projekts.

Die Gewässer im Blick © Privat

Die Gewässer im Blick © Privat

Die Hebriden sind eine Welt für sich. Dank ihrer Inseln, der verschiedenen Meeresströmungen, die hier aufeinandertreffen, ihrer Abgelegenheit. Und dank ihrer Tierwelt. Zwischen der Isle of Mull und der Isle of Skye tummeln sich so viele Schweinswale wie kaum sonst wo in europäischen Gewässern. Heimisch sind auch Riesenhaie, Planktonfresser wie der Walhai, dem sie an Größe nur um Weniges nachstehen. Minkwale ziehen durch die nährstoffreichen Gewässer. Und Orca. Nicht irgendwelche, sondern eine eigene Gruppe. Die „West-Coast-Community“, neun Tiere, größer als alle anderen Orca dieser Welt, mit einer eigenen Zeichnung, sogar mit einer eigenen „Sprache“ – und eben wegen dieser unfähig mit anderen Artgenossen zu kommunizieren – und deswegen wohl dem Untergang geweiht. Tümmler und gemeine Delphine, Seehunde, Papageientaucher, Tölpel und Kormorane – die sind gleichsam die Zugabe.

Die Silurian vor Anker © Privat

Die Silurian vor Anker © Privat

Ein Idyll. Möchte man meinen. Doch die Hebriden sind zugleich eines der Zentren der schottischen Lachszucht mit riesigen Fischfarmen; in den Meeresarmen und Lochs reiht sich zudem Lobsterkäfig an Lobsterkäfig, und dann ist da noch die Royal Navy, die ausgerechnet hier Übungsgebiete eingerichtet hat. Für Manöver ihrer U-Boote, für das Testen von Torpedos. Kein einfaches Nebeneinander.

Aus diesem Grund ist die „Silurian“ im Auftrag des „Hebredian Whale and Dolphin Trusts“ unterwegs. Um Daten zu sammeln. Fundierte Aufzeichnungen über Sichtungen von Schweinswalen, Riesenhaien und Schwertwalen. Um ein Kataster über Fischfarmen und Lobsterkäfige anzulegen. Um hieb- und stichhaltige Argumente für ein Schutzgebiet zu sichern. Und das eben mit der Hilfe von Freiwilligen.

Der erste Tag an Bord der „Silurian“ dient der Eingewöhnung. Die Kojen sind eng, der Platz ist beschränkt, der Seegang ungewohnt, das Ölzeug noch nicht geliebt (das wird sich ändern, nichts hält Wind und Kälte so gut ab wie Ölzeug). Doch eigentlich interessiert nur, wie man die Meeressäuger und den Riesenhai erkennt. „An ihrer Finne“, erklärt Olivia. „An der Art, wie sie sich durch das Wasser bewegen. Schweinswale rollen durch die Wogen. Man sieht nur ihren Rücken. Delphine und Tümmler tauchen auf, ebenso Orca. Von den Riesenhaien werden wir nur die Rückenflossen sehen – falls wir sie sehen.“

Lulu vor der Isle of Skye © Privat

Lulu vor der Isle of Skye © Privat

Dieser Vorbehalt ist wichtig. Eine Expedition, eine Forschungsfahrt ist kein „Whalewatching-Trip“. Es geht darum, zu dokumentieren. Den Tieren wird mit Respekt – und Abstand – begegnet. Nicht das Erleben an sich steht im Vordergrund, sondern die Arbeit.

In den kommenden Tagen werden die Menschen an Bord noch etwas erkennen. Diese Fahrt ist auch eine Exkursion an die eigenen Grenzen. Privatsphäre gibt es nicht. Es gilt, sich zu arrangieren. Das Leben an Bord funktioniert nur, wenn alle zusammenhalten, untereinander loyal sind. Der tägliche Dienstplan ist auf Punkt und Strich einzuhalten. Eines muss präzise in das andere übergreifen. Ausnahmslos.

„Sighting! Bearing 90 degrees. Distance 100 metres. Heading 30 degrees“, zu Deutsch: „Sichtung! Höhe 90 Grad, Entfernung 100 Meter, Kurs 30 Grad“, solcherart melden sich die Beobachter am Mast. Und nennen noch das Tier. Zumeist den Schweinswal.

Doch am zweiten Tag, als die „Silurian“ Kurs auf die Isle of Skye nimmt, sind es keine Schweinswale, die da auftauchen. Es sind – Schwertwale. Drei Tiere der West-Coast-Community. Aquarius, Comet und Lulu.

Hektik. Aufregung. Alles stürmt an Bord. Der Computer ist verwaist. Die Disziplin geht flöten. Kameras klicken. Nur Skipper James bewahrt Ruhe, ändert den Kurs, folgt nun den drei Schwertwalen. Ihren Rückenfinnen, die wie gewaltige Aufbauten ein ums andere Mal aus dem Wasser auftauchen. Niemand ruft, keiner sagt etwas. Alle schauen nur. Beobachten. Und Olivia strahlt vor Glück.

Es ist die erste Sichtung in diesem Jahr.

Die „Silurian“ begleitet die drei gut eine Stunde, dann dreht sie ab und geht zurück auf den ursprünglichen Kurs. Die Routine greift wieder. Jeder nimmt seinen Platz ein. Die Beobachter am Mast melden anstelle von Walen oder Delphinen nun auch wieder die Lage der Lobsterkäfige – erkenntlich an ihren Bojen.

Comet und Aquarius © Privat

Comet und Aquarius © Privat

Ein paar Monate zuvor machte sich John Coe, ein weiteres Mitglied der West-Coast-Community auf den Weg an die schottische Ostküste. Prompt wurde die Einzigartigkeit der kleinen Gruppe in Frage gestellt. Für Olivia Harries ist das eine ärgerliche Debatte. Wird die Besonderheit der Hebriden in Frage gestellt, dann auch das Projekt eines Schutzgebietes.

„Es ist einfach so, dass wir über Meeressäuger noch immer so gut wie nichts wissen“, erklärt sie am Abend. „Nehmen wir die Minkwale. Ursprünglich ist man davon ausgegangen, dass sie immer wieder zu denselben Gebieten zurückkehren. Inzwischen vermuten wir aber, dass sie rund um den Globus wandern. Ein Minkwal, der vor der Isle of Skye gesichtet wird, kann ein paar Monate später vor den Kanaren auftauchen und wieder ein paar Jahre später im Pazifik. Wir wissen im Grunde nichts über sie. Wir wissen nur, dass die Hebriden eines ihrer bevorzugten Gebiete sind.“

Eines mit Fallstricken. Im wahrsten Sinn des Wortes. Die Lobsterkäfige sind über Seile mit Bojen verbunden. Verfangen Minkwale sich nun in diesen Seilen, beginnen sie sich um die eigene Achse zu drehen. Bis sie verschnürt und bewegungsunfähig sind. „Wir hatten einen Fall, bei dem ein Minkwal so eingeschnürt auf dem Rücken zu liegen kam“, erinnert sich Olivia. Das Atemloch war unter Wasser ...

Das ist auch nicht im Sinne der Lobsterfischer. „Unser Verhältnis zu ihnen ist sehr gut“, so die Meeresbiologin. „Wir geben ihnen Tipps, wie sie derartige Unfälle verhindern können. Wir beraten auch die Fischfarmen, wenn es um den Schutz ihrer Lachse geht. Seehunde lieben Lachse und brechen die Käfige mit Leichtigkeit auf.“ Nein, die Farmer und Fischer sind keine Gegner. Sie wissen um den Wert der Tierwelt.

Problematischer ist da die Sache mit dem Lärm. Mit dem Sonar der U-Boote, der Detonation der Torpedos. Ein Höllenlärm in den Ohren der Meeressäuger. Dazu kommen noch das Stampfen und Schrauben der Fähren und Frachter, die Motoren der Fischtrawler, akustische Abwehrsignale der Fischfarmen – unter Wasser herrscht alles andere als Ruhe. Auch das sollte sich bessern. Wenn erst das Schutzgebiet seine Wirkung entfaltet.

Hebridenidyll © Privat

Hebridenidyll © Privat

An Bord wird es einstweilen immer rauer. Der Wind frischt auf. Die monotone Stimme des BBC-Shipping-Weather verkündet für den Inneren Sund „South-southwesterly wind, galeforce 9 becoming 10, drizzle becoming rain, poor visibility“. Die britischen Teilnehmer meinen, dass sie das ansonsten am Sonntag in der Früh hören, sich dann noch einmal umdrehen und denken, wie gut es ist, dass sie nicht selbst da draußen auf See sind. Jetzt aber sind sie auf See.

Am Loch Gairloch erreicht die „Silurian“ den nördlichsten Punkt der Reise. Von der Querung zu den Äußeren Hebriden sehen Olivia und James ab. Das würde zu rau, ruppig und holprig. So geht es wieder nach Süden. Mit der Flut gegen die Strömung, gegen Wind und Wetter.

Nach zehn Tagen läuft die Forschungsyacht wieder in den Hafen von Tobermory ein. 366,9 Seemeilen (fast 680 Kilometer) liegen hinter ihr, 28 Sichtungen von 71 Meeressäugern wurden von den Biosphere-Freiwilligen dokumentiert – und über 600 Positionen von Lobsterkäfigen.

Die Konzentrationen an PCB in Meeressäugern waren 2013 nur ein Thema am Rande. Das sollte sich jetzt ändern. Denn wenngleich die Verbindung (die als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen und Isoliermaterialienseit eingesetzt wurde) den 80er Jahren nicht mehr verwendet wird, ihre Rückstände sind in den Weltmeeren allgegenwärtig. Lulus Tod und das Vergehen der „West-Coast-Community“ belegen, dass es hoch an der Zeit ist, sich dieses Problems anzunehmen – gegen toxische Stoffe sind Schutzgebiete machtlos. (fvk)

Trügerisches Idyll © Privat

Trügerisches Idyll © Privat

Die ursprüngliche Reportage über die Expedition in die Hebriden erschien in der Oktober-Ausgabe des Universum Magazins 2013. Die Reise erfolgte auf Einladung von Biosphere Expeditions.

Sehen. Entdecken.

Sie zählen zu den schönsten Momenten des Lebens, jene Augenblicke, in denen man sich als Entdecker wähnt. In denen man Entdecker ist, zum ersten Mal mit etwas Neuem konfrontiert, hingerissen von der Intensität der Andersartigkeit, beseelt vom Wunsch, diese Erfahrung zu teilen. Mit Hilfe von Fotos, schriftlich oder auch nur mündlich.

„Eisberg“ von Franz Boas @ American Philosophicel Society, Philadelphia

„Eisberg“ von Franz Boas @ American Philosophicel Society, Philadelphia

Ich erinnere mich meines ersten Aufenthalts im Okavango Delta. Im Dezember 1993 fuhren der Fotograf Leo Fabian und ich von Johannesburg aus quer durch Botswana um uns einen dringenden Wunsch zu erfüllen, Afrika hautnah zu erleben. Wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns einließen, wir kannten den afrikanischen Busch nicht. Oder nur sehr am Rande.

Dann waren wir mittendrin. Mit Mokoros (Einbäumen) wurden wir entlang dichter Papyruswälder über eine Unzahl von Wasserläufen zu immer neuen Zielen gestakt, schlugen unsere Zelte irgendwo auf kleinen Inseln auf, unternahmen stundenlange Fußmärsche durch sengende Hitze, begleitet und geführt von zwei Einheimischen, notabene ohne Gewehr und also stets auf der Hut.

An einem Nachmittag lagerte ich im Schatten eines Baumes und war still und glücklich. Ich hatte mein Glück gefunden, die unentdeckten Orte dieser Welt, die wilden Plätze, fernab jeder Zivilisation. Das war, worüber ich von nun an berichten wollte, in Artikeln und in Büchern, vielleicht sogar in Dokumentarfilmen. Ich, Livingstone. Ich, Stanley. Ich, Speke. Immer mit einem Notizbuch in Reichweite.

Zurück in Kapstadt untersuchten wir das Bildmaterial, auf dessen Ausarbeitung wir so ungeduldig gewartet hatten wie Kinder auf die weihnachtliche Bescherung. Mit der Lupe beäugten wir jedes Foto, auf der Suche nach Details, nach unseren Erinnerungen.

„Weibchen des Gürtelfischers“ von John James Audubon @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

„Weibchen des Gürtelfischers“ von John James Audubon @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

Auf den Bildern des ersten Abends fiel mir etwas auf, dessen ich mir vor Ort gar nicht bewusst gewesen war. Im Schatten des Dickichts jenseits einer weiten Fläche machte ich die Silhouetten von Elefanten aus. Warum Leo mich nicht auf sie aufmerksam gemacht hätte, verlangte ich zu wissen. Welche Elefanten? – Diese hier, auf den Mittelformatfotos. – Da sind keine Elefanten. Wir haben am ersten Abend gar keine gesehen.

Leo hatte Recht. Wir hatten sie nicht gesehen.

Und er irrte. Sie waren da gewesen. Für unsere ungeübten Augen nicht zu erkennen, durch Zufall nur fotografisch dokumentiert.

Womit ich eine Lektion gelernt hatte. Man sieht nur, was man kennt. Und – Entdeckungen lauern überall.

Eine solche ist das Buch „Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen, Notizen“ von Huw Lewis-Jones und Kari Herbert. Die beiden Autoren unternehmen eine vollkommen anders geartete Entdeckungsreise, sie stoßen in Archive vor, in Bibliotheken, in private Sammlungen auf Dachböden und in Kisten. Ihr Ziel ist klar, sie wollen Notizen, Skizzen, Bilder, Aufzeichnungen von Forscherinnen und Forschern zusammenstellen, den Zauber des Erstmals, aber auch die Strapazen, die Mühen, die Widrigkeiten und all die Schönheit in einem Buch zusammenfassen.

„Karte des Vesuv, auf der historisch verbriefte Lavaströme eingezeichnet sind“ von John Auldjo @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

„Karte des Vesuv, auf der historisch verbriefte Lavaströme eingezeichnet sind“ von John Auldjo @ Houghton Library, Harvard University, Cambridge

Was sie zusammengetragen haben, ist bemerkenswert. In jeder Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur spannen sie einen Bogen, der vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, und nicht nur vereinen sie Frauen wie Gertrude Bell, Amelia Edwards, Maria Sibylla Merian und Alexandrine Tinne (um nur ein paar zu nennen) mit ihren männlichen Kollegen wie Roald Amundsen, Bruce Chatwin, Thor Heyerdahl, John Hanning Speke und Edward Wilson. Sie präsentieren Geschichten von und über die Entdecker. Sie nehmen ihre Notizen zur Hand, bereiten ihre Skizzen, ihre Zeichnungen, ihre Bilder auf, schaffen einen Kosmos des Erstaunens und der Hingerissenheit.

75mal konfrontieren die Autoren ihr Publikum mit 407 kunstfertigen Abbildungen.

Das sind nicht einfach Skizzen, ungefähre Bestimmungen, es sind auch keine Punkte entlang bestimmter Koordinaten, es sind Portraits unerwarteter Intensität. Eine Sammlung kleiner und großer Meisterwerke – entstanden im Zuge der Forschung.

Manche haben darüber hinaus auch geschichtliche Bedeutung, so wie die Notizen David Livingstones, die er in einem Versteck anfertigte, während Sklavenhändler ein Dorf überfielen und seine Bevölkerung entweder niedermetzelten oder gefangen nahmen. Livingstone hatte sich verborgen und schrieb fieberhaft auf dem wenigen Papier, welches er zur Verfügung hatte ­– ein paar Seiten des London Evening Standard. Er schrieb sie voll. Mit einem Augenzeugenbericht, der, so kann man das sagen, die Welt aufrüttelte. Die Schrift ist längst verblasst, schon gar nicht mehr zu lesen, gäbe es da nicht die Möglichkeit spektraler bildgebender Verfahren, die den Bericht aus der Deckung wieder lesbar machen. Auch diese Seiten finden sich in dem Buch.

„Larven und Puppen, Südafrika“ von Margaret Fountaine @ The Trustees of the Natural History Museum, London

„Larven und Puppen, Südafrika“ von Margaret Fountaine @ The Trustees of the Natural History Museum, London

Und dazu kurze, pointierte Darstellungen der Forscherinnen und Entdecker. Keine Heldensagen, oftmals Berichte von Ungemach, von Zweifel, von Langeweile und Öde, oft genug von Todeskämpfen und Verzweiflung. Sowie von den Notizen, Skizzen und Bildern und Karten, die davon Kunde geben sollten.

Im Juli 1883 sitzt der deutsche Geograf Franz Boas wochenlang auf einem Schiff im Packeis der Arktis fest. Er greift zu Pinsel und Stift und hält einfach fest, was er sieht. Eisberge. In hellem Weiß, schimmernd kalt, auf tiefblauem Wasser treibend. Bedrohlich. Fesselnd und berückend schön.

Ein Nebenprodukt seiner Tätigkeit, denn eigentlich hat Boas einen neuen Ansatz in die Anthropologie eingebracht, den „Vier-Felder-Ansatz“, eine „Methodologie, die Archäologie, Linguistik, biologische Anthropologie und Kulturantrhopologie verknüpft – und für eine umfassende Forschung, Feldforschung und volkskundliche Studien steht“. Boas hatte ein Jahr lang mit und unter den Inuit gelebt, trug ihre Kleidung, aß, was sie aßen, lernte ihre Sprache, lauschte ihren Erzählungen und wurde, so weit möglich, zu einem der Ihren.

„Schmuck, ein Frosch und eine Kröte“ von Olivia Tonge @ The Trustees of the Natural History Museum, London

„Schmuck, ein Frosch und eine Kröte“ von Olivia Tonge @ The Trustees of the Natural History Museum, London

Olivia Tonge beobachtete gänzlich anders. Stark kurzsichtig wie sie war, blieb ihr die Landschaftsmalerei verwehrt. Nicht aber die Abenteuerlust und das Gespür für das Detail. „Und es begab sich“, schrieb sie, „dass eine gewisse Großmutter, als sie beinahe vier Dutzend und zwei Jahre alt war und in die Jahre gekommen, all so zu sich sagte – Siehe, malen werde ich nun [...] und wahrlich kein Mann wird sie aufhalten.“ Drei Jahre lang bereiste sie ab 1908 Indien und Pakistan und füllte 16 Skizzenbücher. Hier nun kommt sie zu Ehren. Verdientermaßen.

„Robert Scott in seinem ,Arbeitszimmer‘ am 7. Oktober 1911“ @ Herbert Ponting

„Robert Scott in seinem ,Arbeitszimmer‘ am 7. Oktober 1911“ @ Herbert Ponting

Eine Edition längst vergangener Tage, könnte man meinen. Dem widersprechen Lewis-Jones und Herbert. Sie zitieren den Meereskundler William Beebe, der erklärte, dass Langeweile unmoralisch sei. „Alles, was ein Mann tun muss, ist hinzuschauen. Überall um uns herum inszeniert die Natur die spannendsten Abenteuergeschichten aller Zeiten, aber wir müssen unsere Augen aufmachen. Letzten Monat bin ich zu Fuß über unser Gelände gegangen, als eine Termitenkönigin mit dem Bau ihrer wundersamen Stadt begann. Ich sah sie, weil ich nach unten blickte. Eines Nachts flogen drei Riesenflughunde vor dem Mond vorüber. Ich sah sie, weil ich nach oben schaute. Für manche Menschen ist der Dschungel ein chaotischer Ort voller Gefahren. Aber für denjenigen, der sehen kann, bilden seine Ranken und Pflanzen einen wunderschönen und sorgfältig angeordneten Gobelin.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. (fvk)

Sämtliche Abbildungen sind dem Buch „Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen und Notizen“ entnommen.

„Kosmos großer Entdecker – Leben, Skizzen und Notizen“

Texte von Huw Lewis-Jones, Kari Herbert, Sir Ghillean Prance, Alan Bean, Tony Foster, David Ainley, Wade Davis. Aus dem Englischen von Tracey J. Evans

320 S. | 407 Abb. | € 44,90 (D) | € 46,20 (A)

ISBN 978-3-944874-47-0

Sieveking Verlag, München, 2016 | www.sieveking-verlag.de

Wollmammuts Wiederkehr

Nashorn, Afrikanischer Elefant, Löwe und Gepard – allesamt Arten unter extremen Druck. Vom Aussterben in freier Wildbahn akut bedroht. Wenn die Wilderei nicht gestoppt, die Habitate nicht gesichert werden. Eine Mammutaufgabe.

© NHM Wien/Kurt Kracher

© NHM Wien/Kurt Kracher

Der Molekularbiologe George Church propagiert eine andere – die Wiederkehr des Wollmammuts. Damit sorgt er für Schlagzeilen, selbst wenn er eingestehen muss, dass es sich bei dem Tier, welches da binnen zweier Jahre ins Leben gesetzt werden soll, eigentlich um einen hybriden Elefanten-Mammut-Embryo handeln wird, um einen „Mammufant“.

Möglich ist das. Das geht. Das ist nicht Science Fiction, das hat auch nichts mit Jurrasic Park zu tun. Ist die Erbinformation vorhanden, und gibt es noch Restbestände der Population, oder gibt es überlebende nächste Verwandte, dann kann die alte DNA im Sinne des Wortes eingesetzt werden.

Die DNA des Mammuts ist bekannt und extrahiert. Sie liegt vor. Sie könnte, sie kann – mittels der „Genschere“ CRISPR-cas9, jener Methode, die es erlaubt, mit höchster Präzision in das Erbmaterial einzugreifen und Gene gezielt zu verändern – nun eingesetzt werden, um ein Lebewesen zu kreieren, welches „mehr ein Elefant mit einer Reihe von Mammut-Merkmalen ist“, so Church. Also definitiv kein Wollmammut, wie es vor 4.000 Jahren noch durch die Tundra zog.

Doch wozu? Worin liegt der tiefere Sinn, das Mammut oder andere, längst verschwundene Tierarten, gleichsam auferstehen zu lassen? George Church argumentiert, durch die Modifikationen ließe sich der ebenfalls vom Aussterben bedrohte Asiatische Elefant in etwas anderer Form erhalten. In kühleren Habitaten. In Sibirien zum Beispiel oder in Alaska.

In den USA wird diese Frage schon seit 2015 immer wieder und höchst kontroversiell diskutiert.

Die Befürworter rund um Church setzen bei einer prinzipiellen Frage an: Warum schützen wir denn überhaupt Tiere? Elefanten in Afrika, Eisbären in der Polarregion oder Pandas in China. Warum wird in diese Bemühungen so viel an Zeit, Energie und auch an finanziellen Mitteln investiert?

Um die Biodiversität dieses Planeten nicht zu verlieren. Um Arten, die eine wichtige ökologische Rolle einnehmen, zu schützen. Um ganze Ökosysteme zu erhalten. Um zu lernen. Und: Um ein wenig von dem wiedergutzumachen, was die Spezies Homo sapiens anderen Lebewesen angetan hat. Dem Dodo zum Beispiel, oder der Amerikanischen Wandertaube.

„Alle diese Gründe“, so der Biologe und Publizist Stewart Brand, „treffen auch auf die Frage zu, warum wir ausgestorbene Arten wieder ins Leben rufen sollen. Und noch mehr: Allein die Vorstellung, dass Herden von Mammuts wieder durch den Hohen Norden streifen; oder dass regelrechte Wolken von Wandertauben im Himmel über Amerika wieder die Sonne verdunkeln. Es wäre eine Neuausrichtung unserer Möglichkeiten, vergleichbar der ersten Landung auf dem Mond.“

Amerikanische Wandertaube 1898 © Wikimedia/J.G. Hubbard, Internet Archive Book Images

Amerikanische Wandertaube 1898 © Wikimedia/J.G. Hubbard, Internet Archive Book Images

Die Wandertaube war einst in Nordamerika in Millionen, in Milliarden vertreten. Beliebt, weil einfach zu bejagen und schmackhaft. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie ausgerottet. Bis auf das letzte Exemplar. Das warnende Beispiel des Vogels vor Augen, wurden Anstrengungen unternommen, wenigstens die Restbestände des Bisons zu retten. Brand: „Dieses Ereignis stand am Beginn der Idee und dann der Praxis, bedrohte Tierarten zu schützen. Wie gut wäre es, diesen menschlichen Fehler, der den modernen Schutzgedanken hervorrief, zu revidieren.“

„Sollen wir?“, fragt hingegen Paul R. Ehrlich, Professor for Population Studies an der Stanford University. „Sollen wir? Oder, noch wichtiger: Können wir? Wäre es denn wirklich möglich?“ Aus wissenschaftlicher Sicht sicherlich, hält Ehrlich fest. Die Fortschritte in der Forschung, vor allem im Bereich der Genetik, innerhalb kürzester Zeit sind atemberaubend.

Wozu aber? Es wäre eine falsche Investition, meint Ehrlich. „Es ist viel sinnvoller, die ohnehin limitierten Ressourcen für Forschung und Schutz darauf zu konzentrieren, die Ausrottung zu verhindern. Indem die Gründe dafür endlich angegangen werden: Die Zerstörung von Lebensraum, Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung und so weiter.“

Es gingen die Befürworter auch von falschen Erwartungen aus, so Ehrlich. In welchen Habitaten sollten die Tiere denn leben? Die endlosen Wälder, welche der Wandertaube als Lebensraum dienten, sind verschwunden. Die amerikanische Kastanie, von deren Früchten sich der Vogel ernährte, ist – wie die Taube – praktisch ausgestorben.

Vor allem aber: „Wenn die Menschen beginnen, eine ,Jurassic-Park-Zukunft‘ ernst zu nehmen, werden sie weniger unternehmen, das gegenwärtige sechste Massensterben zu verhindern.“

Mammut nicht Mammufant beim Festtreten sibirischen Schnees © NHM Wien/Kurt Kracher

Mammut nicht Mammufant beim Festtreten sibirischen Schnees © NHM Wien/Kurt Kracher

George Church, der das „Mammut-Projekt“ im Rahmen des Jahrestreffen der „American Association for the Advancement of Science“ (AAAS) in Boston vorstellte, hegt unterdessen große Erwartungen. Zum einen solle so der Asiatische Elefant vor dem Aussterben bewahrt werden, zum anderen solle den Auswirkungen des Klimawandels entgegengewirkt werden. Der „Mammufant“ könnte, indem er Schnee festtritt, das Auftauen des Permafrostbodens und damit das Entweichen des Treibhausgases Methan in die Atmosphäre verhindern. So Church, der gerne in großen Zusammenhängen denkt.

Bei dem Jahrestreffen der AAAS geht es indes heuer vor allem um Fragen der Ethik im Zusammenhang mit Gentechnik. George Church und sein Projekt tragen so gesehen wesentlich dazu bei, dass diese Fragen in allen ihren möglichen Auswirkungen erörtert werden. (fvk)

Der Pferde kognitive Kompetenz

Der „Kluge Hans“ war eine Nummer. Eine große und erfolgreiche – im Varieté. Vor allem. Dort beantwortete das Pferd Rechenaufgaben, indem es mit den Hufen das Ergebnis klopfte. Während sein Besitzer und Trainer Wilhelm von Osten stolz war auf sein kluges Tier und für die Zurschaustellung Geld einnahm.

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Stimmt ja gar nicht, das Pferd kann nicht rechnen, wurde schließlich von gelehrter Seite im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften festgestellt. Es beobachte vielmehr seinen Lehrmeister, erkenne an ihm, an seiner Körpersprache, an seinen unbewussten Zeichen, wann es aufhören müsse zu klopfen. Mithin: Kein rechnendes Pferd, keine Sensation.

Das war vor über 100 Jahren. Seither haben andere Tiere die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, genauer gesagt ihre kognitiven Fähigkeiten. Hunde, Raben, Ratten, Schweine, Goffin-Kakadus, von Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas gar nicht erst zu reden. Das Pferd indes, welches Homo sapiens so eng verbunden ist wie sonst nur der Hund und beinahe so lange, das Pferd verblieb im Schatten der wissenschaftlichen Betrachtung.

Bis jetzt binnen eines Jahres nur die kognitiven Fähigkeiten des Einhufers vor den Vorhang gebeten werden. Pferde können menschliche Gesichtsausdrücke lesen; Pferde können mittels Symbolen mit Menschen kommunizieren; Pferde können den Wissenstand ihrer Menschen einschätzen und aktiv um Hilfe bitten.

Die Kraft der Anekdote

Wissen wir, sagen Pferdemenschen. Wissen wir doch immer schon. Und dann beginnen sie zu erzählen, reihen Anekdote an Anekdote, die in Summe stets darauf hinaus laufen, dass ihre Vierbeiner klug sind. Mindestens. Wenn nicht sogar intelligent.

Nun ist das mit der Intelligenz so eine Sache. Homo sapiens misst sie, wertet sie, wertet sich selbst anhand ihrer schieren Existenz (und zweifelt bei Gelegenheit ihr Vorkommen bei seinen Mitmenschen an).

Ich denke, also bin ich. Dieses Diktum definiert den Menschen. Hat ihn definiert, denn was René Descartes so wortmächtig wie prägnant formulierte, wird in seinem Absolutheitsanspruch zusehends in Zweifel gezogen. Das Verhältnis zu den Tieren dieses Planeten hat es freilich maßgeblich geprägt. So wie der biblische Spruch, dass dem Menschen die Erde untertan sei.

Es haben diese Gewissheiten den Menschen auch einen Vorteil verschafft. Das Tier (so wie lange Zeit, und das nur nebenbei, auch Frauen und Kinder) verfügt über keine Intelligenz. Die ist dem Menschen (lange Zeit dem Mann) vorbehalten. Es ist eine Kreatur, der man Empathie entgegenbringen kann, von der man weiß, dass sie nichts weiß, dass sie trainiert werden kann, abgerichtet, eingesetzt. Dieser Zugang erleichtert vieles, er macht die Welt wunderbar einfach und simpel und Homo sapiens zur Krone der Schöpfung.

Wären da nicht diese Anekdoten. Nicht nur von klugen Pferden und Hunden, auch von erinnerungsstarken Elefanten, von trauernden Hunden, von gewitzten Papageien. Anekdoten, die Wissenschaftler und Forscher dazu bringen, sich doch mit ihren Mitlebewesen auseinanderzusetzen, die Anekdoten zu überprüfen.

Anekdoten seit Anbeginn der Partnerschaft

Anekdoten seit Anbeginn der Partnerschaft

Also wissen wir, und dieses Wissen basiert auf Fakten, auf wieder und wieder überprüften Experimenten, dass Hunde beispielsweise ihre Menschen verstehen, dass sie sogar – passiv – über einen gewissen Wortschatz verfügen, dessen Bedeutung sie einzuschätzen wissen. Wir wissen, dass Vögel wie Raben in der Lage sind, sich in andere Raben hineinzuversetzen, einzuschätzen, was die anderen sehen und daraus Schlüsse für das eigene Verhalten zu ziehen. Wir wissen inzwischen sogar, dass Goffin-Kakadus bereit sind, eine Nuss, die sie im Schnabel haben, gegen eine größere Nuss einzutauschen. Von wegen, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Und jetzt das Pferd.

Gesichtserkennung

Im Februar 2016 publizieren Amy Victoria Smith Leanne Proops, Kate Grounds, Jennifer Wathan und Karen McComb ihre Studie „Functionally relevant responses to human facial expressions of emotions in the domestic horse (Equus caballus)“ in den Biology Letters der Royal Society. Die Wissenschaftlerinnen der University of Sussex weisen darin nach, dass Pferde menschliche Mimik gut einzuschätzen wissen.

In der Untersuchung wurden den Pferden Fotos ihnen unbekannter Männer aus einem Meter Entfernung gezeigt. Einmal wütende Männer. Das andere Mal freundliche Männer.

Beim Anblick grantiger Gesichter stieg die Herzfrequenz der Tiere schnell und deutlich an. Und – die Pferde bewegten ihren Kopf, um das Bild besser mit dem linken Auge betrachten zu können. Darin stimmen die Pferde mit anderen Arten wie Hunden überein, bei denen nachgewiesen wurde, dass sie negative Dinge eher mit dem linken Auge fokussieren.

Auf lächelnde Gesichter hingegen reagierten die Probanden kaum. Sie sind harmlos. Im Sinne des Wortes. Offenbar, so die Autorinnen, sei es für das Fluchttier wichtiger, Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

Wer beobachtet hier wen?

Wer beobachtet hier wen?

Dass Pferde indes überhaupt in der Lage sind, eine menschliche Emotion an der Mimik zu ersehen, ist bemerkenswert, belegt ist dieses artenübergreifende Erkennen bisher nur noch beim Hund. Andererseits, und das geben auch die Forscherinnen zu bedenken, kommunizieren Pferde untereinander wesentlich über ihre Mimik. Sie sind darin geradezu Meister.

Konsequenzen ziehen

Im November 2016 publizieren die norwegischen Forscher Cecilie M. Meidel, Turid Buvik, Grete H. M. Jørgensen und Knut E. Bøe im Journal „Applied Animal Behavior Science“ ihre Studie „Horses can learn to use symbols to communicate their preferences“.

In anderen Jahren wäre das eine Sensation gewesen, Headline News, Gesprächsstoff an Stammtischen und für das Feuilleton. 2016 war in dieser Hinsicht etwas anders. Es dominierten die 140-Zeichen Nachrichten eines (erfolgreichen) US-Präsidentschaftskandidaten.

Zurück zu den Pferden. Die Wissenschaftler brachten ihren Probanden bei, mittels dreier verschiedener Symbole anzuzeigen, ob sie eine Decke haben wollten oder nicht. Binnen zweier Wochen waren die Tiere in der Lage, ihre Vorlieben klar mitzuteilen. War das Wetter warm, nutzten die eingedeckten Pferde das Symbol für „Decke ab“, während jene ohne Decke keine Änderung wollten. Bei kaltem oder kühlem Wetter hingegen verlangten die „nackten“ Pferde nach der Decke, während jene, die schon eine hatten, damit zufrieden waren. Das Forscherteam kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass die Pferde mithin die Konsequenzen ihrer Entscheidung erkennen können.

Weiß Konsequenzen einzuschätzen

Weiß Konsequenzen einzuschätzen

Bislang läuft die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd eingleisig. Homo sapiens gibt verbal über Zeichen oder durch Körpereinwirkung Befehle, Equus caballus reagiert wie trainiert. Nun zeigt sich, dass das Pferd ebenfalls in der Lage ist, zielgerichtet und mit Hilfe von Symbolen seine Bedürfnisse, seine Wünsche zu äußern.

Hilfsersuchen

Ebenfalls im November publiziert ein Team um Monamie Ringhofer und Shinya Yamamoto von der Universität Kobe eine weitere Studie zur kognitiven Leistungsfähigkeit der Pferde: „Domestic horses send signals to humans when they face with an unsolvable task“ in der Zeitschrift „Animal Cognition“.

Dabei gingen die Forscher von einer Alltagssituation in Ställen und auf Koppeln aus. Sie platzierten Kübel mit Karotten außer Reich- aber in Sichtweite der Pferde. Und diese taten, was sie – anekdotenhaft tausendfach wahrgenommen und erzählt – tun: Sie näherten sich einem Menschen, stupsten ihn, suchten Blickkontakt. Sie wiesen ihn in aller gebotenen Dringlichkeit auf die Karotten hin.

Blickkontakt und freundliche Hinweise

Blickkontakt und freundliche Hinweise

Damit nicht genug. Die Pferde erkannten auch, ob der Mensch, den sie um Beistand baten, wusste, wo die Karotten sind oder nicht. In letzterem Fall agierten sie mit ihren Hinweisen deutlich intensiver als in Ersterem. Kurz, sie wussten den Kenntnisstand des Menschen richtig einzuschätzen.

Eine Leistung, die bei Menschenaffen wiederholt festgestellt wurde. Bei Pferden bisher noch nicht.

Übereinstimmend kommen die Forschergruppen zu dem Schluss, dass die kognitiven Leistungen der Pferde zum einen auf ihrer hochentwickelten sozialen Struktur beruhen. Als Herdentiere, deren Überleben vom Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und also von Kooperation abhängt, müssen sie in der Lage sein, ihre Kompagnons richtig einzuschätzen. Als enger Begleiter des Menschen haben sie zudem, wie die Hunde, im Laufe der Jahrtausende Wissen über ihre menschlichen Partner erworben, welches gleichsam a prirori abrufbar ist. Sie haben sich auf uns eingestellt.

Und, auch darin besteht Einigkeit zwischen den Wissenschaftlern, es ist ein lohnendes Ziel, die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten der Pferde weiter und intensiver zu untersuchen und zu erforschen. Auf dass der „Dialog“ zwischen Mensch und Pferd erweitert und vertieft wird. Evidenzbasiert. Nicht nur anekdotenhaft. (fvk)

Verstehen, eine Chance

Verstehen, eine Chance

Post scriptum:

Wilhelm von Osten wollte ein Pferd, das rechnen kann. Dass es ihn und seine Köpersprache las, war ihm nicht genug. Von Osten starb 1909. Der „Kluge Hans“ ging an Karl Krall, der ein psychologisches Laboratorium mit elf Pferden, zwei Eseln, einem Pony und einem Elefanten eingerichtet hatte. 1912 veröffentlichte er sein Buch „Denkende Tiere“. 1916 wurden der „Kluge Hans“ und die anderen Pferde des Laboratoriums zum Kriegsdienst für „Gott, Kaiser und Vaterland“ eingezogen. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Man kann es sich vorstellen.

Die Auslöschung

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Wenn es Abend wird in Palala, greift Alpheus nach einer Decke und begibt sich ins Freie. Zu den Nashörnern, die hier im Schutz der südafrikanischen Waterberge leben.

Er begleitet sie durch die Nacht. Lauscht nach Motorgeräuschen. Hält Ausschau nach Lichtern, die durch das Grasland und den Busch irrlichtern.

Derweil sitzt Selomie Maritz in ihrem Wohnzimmer. Im Hintergrund knacken und quäken Funksprüche. Ein Auto wurde gesehen. Ziel unbekannt. Weiteres in Kürze.

Selomie Maritz wartet. Sie wartet auf die Nachricht, dass die Wilderer auch auf ihr Gebiet vordringen. Sie wartet auf Nachricht von Alpheus. Hofft, dass er sich nicht meldet. Hofft, dass auch diese Nacht wieder vorübergeht. Ohne dass ihre Nashörner Ziel der Wilderer werden. Unterdessen schickt sie Updates via Facebook in alle Welt und erhält im Gegenzug Zuspruch und Zuwendungen.

Bislang hatte sie, hatten ihre Nashörner Glück. Doch der Druck wächst. „In einem benachbarten Reservat wurde ein Nashorn erschossen, sein Horn mit der Motorsäge abgetrennt“, Selomies Stimme wird brüchig. Für das Horn gehen die Wilderer über Leichen. Keine Woche, kaum ein Tag, an dem es keine Meldung über niedergemetzelte, enthornte Rhinos gibt.

2013 wurden allein in Südafrika 1.004 Nashörner von Wilderern getötet. 1.215 waren es 2014.  2015 wurde zum ersten Mal seit langem ein leichter Rückgang an Verlusten  verzeichnet – auf 1.175. Zu viel. Viel zu viel.

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Bis 2007 herrschte weitgehend Ruhe in den Reservaten und Nationalparks Südafrikas. Die Bestände der Nashörner wuchsen an, auf heute rund 20.000. 75 Prozent aller Nashörner sind in Südafrika zu finden.

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Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Um 1920 waren gerade noch knapp 100 Breitmaulnashörner am Leben. 100 von den einst hunderttausenden, die es in Afrika gegeben hatte, bevor die europäischen Großwildjäger eintrafen.

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Nach heutigen Kriterien war das Nashorn damit in freier Wildbahn eigentlich ausgestorben. Doch ausgehend von dieser Handvoll Rhinos gelang es in Umfolozi ihre Zahl zuerst zu stabilisieren, dann zu erhöhen. In den 50er Jahren gab es bereits wieder rund 1.000 Tiere. In den 70ern rund 2.500. Von Südafrika aus wurden andere Gebiete in Afrika wieder mit Nashörnern, vor allem Breitmaulnashörnern, besiedelt. Selbst die Wilderei ging zurück.

Bis ein vietnamesischer Minister öffentlich kundtat, seine Krebserkrankung sei dank Rhinohorns geheilt worden. Seither steigt die Nachfrage im Fernen Osten sprunghaft an. Die Preise erreichen astronomische Höhen. Ein Kilo Rhinohorn wird mit bis zu 60.000, 70.000 Dollar gehandelt.

Der Mythos von der Heilkraft des Rhinohorns ist alt. Uralt. In der traditionellen chinesischen Medizin wird es – wie Tigerknochen – seit Tausenden von Jahren als Heilmittel eingesetzt.

„Versuch‘ einmal gegen einen Glauben vorzugehen“, meint der Ranger Joostie Bornman in Palala. „Noch dazu, wenn er so alt ist wie dieser. Dagegen ist das Christentum jung. Einen Glauben kannst du auch mit noch so vielen Aufklärungskampagnen nicht aus der Welt schaffen. Wir haben ein Problem. Ein großes Problem.“

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Alles nur wegen des Horns. Dabei besteht es aus Keratin – wie menschliche Haare und Fingernägel. „Sollen sie doch einmal versuchen, ihre Krankheiten damit zu heilen“, wirft Selomie Maritz ein. „Dann sehen sie, dass das nichts nutzt. Gar nichts. Das müssen wir den Asiaten klarmachen.“ Selomie Maritz glaubt an die Kraft der Aufklärung. Und sie glaubt an ihr Unterfangen.

„Die Nashörner in den Nationalparks sind verloren. Der Staat hat weder die Möglichkeiten noch die Mittel, die Tiere effektiv zu schützen. Es geht darum, kleine Refugien zu schaffen. Inseln, auf denen die Nashörner überleben können. Bis dieser Wahnsinn vorbei ist.“ Ihr Palala Rhino Sanctuary ist ein solches Refugium.

Sie ist nicht die Einzige, die sich engagiert. „Rettet unsere Rhinos“, diesem Slogan begegnet man in Südafrika an allen Ecken und Enden. In Form von Aufklebern auf Autos; aufgestickt auf Taschen; Unternehmen preisen ihren Anteil am aktiven Schutz lauthals an. Allein die Initiative „Unite Against Poaching“ hat in den ersten eineinhalb Jahren ihres Bestehens 3,7 Millionen Rand (rund 285.000 Euro) aufgetrieben und unterstützt Rangereinheiten im Krüger Nationalpark.

Es fehlt auch nicht an Ideen, wie man die Tiere schützen könnte. Ihre Hörner wachsen nach. Also kann man sie abschneiden – hornlos sollten die Tiere für Wilderer uninteressant sein. „Das hat nichts gebracht“, so Jurie Moolman, Eigentümer des Djuma Game Reserves in Sabi Sand. „Die Wilderer haben enthornte Nashörner erst recht getötet – um nicht ein zweites Mal Zeit zu verlieren.“

Eine andere Idee ist, das Horn mit einer Chemikalie zu präparieren. Dem Tier schadet sie nicht. Wohl aber den Menschen, die das Horn zu sich nehmen. „Es wird ihnen schlecht. Sie werden krank“, erklärt Selomie Maritz. Das trifft auf ihre Zustimmung. Vor allem hofft sie, dass das Horn dann nicht mehr gefragt ist.

Diese Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen. In Vietnam und China gilt der Besitz von Rhinohorn als Zeichen des Wohlstands. Wer es hat, der hat es geschafft. Es wird aufgehoben, in einer Vitrine präsentiert. Die Vietnamesen verstehen nicht, dass die Welt es zulässt, dass die Tiere dafür sterben müssen. Man könnte das Horn doch „ernten“, abschälen, abschneiden. Ohne dem wertvollen Tier dabei zu schaden.

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Diese Ansicht trifft in Südafrika durchaus auf Sympathie. „Ich bin dafür, den Handel, den kontrollierten Handel, mit Rhinohorn freizugeben“, merkt Moolman an. Damit könne dem Schwarzmarkt der Boden entzogen werden, die lukrierten Gelder könnten direkt in Maßnahmen zugunsten des Artenschutzes einfließen.

Derzeit ist es umgekehrt. Immer mehr private Reservate kürzen ihre Mittel für den Erhalt von Löwen, Wildhunden, Elefanten, für Forschung und Wissenschaft radikal. Oder stellen sie auf Null. Jeder Cent wird für den akuten Schutz der Nashörner gebraucht.

Wenn es Abend wird in Sabi Sand, dann hört man vom nahen Krüger Park das dumpfe Knattern von Armeehubschraubern. Sie fliegen Patrouille. Am Boden sind Ranger und Soldaten mit Hundestaffeln unterwegs und versuchen zu schützen, was kaum zu schützen ist.

Der Krüger ist so groß wie Israel. Zudem sind die Zäune zwischen Südafrika und Mosambik gefallen – um den Wildtieren die Möglichkeit zum Wandern zu bieten. Einstweilen machen vor allem die Wilderer von der Freizügigkeit im Busch Gebrauch. „Diese Leute haben Erfahrung im Buschkrieg“, erklärt Bornman. „Sie wissen, wie man sich im Busch zu verhalten hat. Sie sind bestens ausgebildet. Sie verfügen über bestes Material. Über Hubschrauber, Funk, Bodenunterstützung. Sie wissen genau, wo sie zuschlagen müssen. Sie liefern sich Feuergefechte mit Soldaten und Rangern. Das hier ist Krieg.“

Dahinter stehen organisierte Banden, die für Nachschub, Information und Transport sorgen. Die Wilderer wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen. Ihre Gegner aber sind untereinander uneins über den richtigen Weg, mit dem Problem umzugehen. Handel oder kein Handel? Präparierte Hörner? Kein Pardon für Wilderer? Druck auf Vietnam und China? Und wenn, wie?

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Oder ist die Wilderei doch nichts anderes als ein Ausdruck der verarmten, perspektivlosen Bevölkerung in Afrikas Ländern?

Wer zu Jurie Moolmans Djuma Game Reserve fährt, durchquert die Region von Buffelshoek. Rund 800.000 Menschen leben hier, 70 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit, es fehlt an Unternehmen, es fehlt an Ausbildungsstätten. Es fehlt an Zukunft. Woran es nicht fehlt, sind Hoffnungslosigkeit und Aids – jeder Vierte hier ist HIV-positiv. Buffelshoek zählt zu den 23 ärmsten Bezirken Südafrikas.

Vor zwölf Jahren hat der „Buffelshoek Trust“ seine Arbeit aufgenommen. Initiiert und vorangetrieben unter anderem von Jurie Moolman, der seine Aufgabe nicht nur darin sieht, die Natur und die Tierwelt zu bewahren, sondern auch den Menschen eine Zukunft zu geben. Zumindest dazu beizutragen. 30 Millionen Rand (2,3 Millionen Euro) hat der Trust seither aufgebracht und in Projekte in den Manyaleti-Dörfern investiert. Vor allem in Schulen. „Bildung“, sagt Moolman, „ist der Schlüssel für ein besseres Leben. Darum geht es.“

Afrikas Armut ist Afrikas Schwachpunkt.

„Es ist so verlockend. Für nur eine kleine Information erhält man Geld“, überlegt Ted Reilly. „Geld, um ein Haus zu bauen, das Schulgeld, den Arzt, was auch immer zu zahlen. Für nur eine kleine Information. Über ein Loch im Zaun. Über Nashörner auf der anderen Seite. Man tut nichts, nur ein wenig Wissen weitergeben. Doch damit ist man in den Fängen der Mafia!“

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Ted Reilly hat Erfahrung mit der Mafia. Er ist ein gerne angeführtes Beispiel für den erfolgreichen Kampf gegen die Wilderei. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre herrschte in dem kleinen Königreich Swasiland der „Rhinokrieg“. Zwischen 70 und 80 Prozent aller Nashörner wurden damals abgeschlachtet. Und Ted Reilly, dessen Reservate Mlilwane und Mkhaya gemeinsam mit dem Nationalpark Hlane die „Kingdom of Swaziland‘s Big Game Parks“ formen, stand an vorderster Front. „Es geht um Geld“, bekräftigt er. „Es geht immer um Geld und um die Möglichkeiten, die es einem bietet.“

Das organisierte Verbrechen hat viele Verbündete. Das Streben nach Geld, Korruption, Indifferenz. „Wir haben in Swasiland ein Gesetz durchgesetzt, das als unbedingte Mindeststrafe für Wilderei fünf Jahre vorsieht. Und alle, die Wilderei begünstigen, fallen ebenfalls unter diese Strafandrohung“, sagt Reilly. Es gab Proteste, auch von Seiten einiger Menschenrechtsorganisationen. „Aber König Mswati hat den Gesetzesvor- schlag unterstützt!“ Swasiland ist die letzte absolute Monarchie Afrikas.

Das kompromisslose Vorgehen imponiert vielen Südafrikanern. So und nichtanders lässt sich dasProblem lösen. Sagtauch Selomie Maritz. Swasiland ist für sie die letzte, die sicherste Insel für Nashörner in Afrika. Käme es darauf an, würde sie ihre Tiere hierher bringen, sagt sie.

„Wir hätten keinen Platz“, sagt Mick Reilly, Teds Sohn. „Was für Swasiland richtig ist, muss für Südafrika nicht richtig sein. Jedes Land muss seinen Weg finden.“

Die Nashorn-Wilderei, so Reilly, ist kein afrikanisches, es ist kein rein afrikanisch- asiatisches Problem. Seine Lösung hängt auch davon ab, ob Europa und Amerika bereit sind, im Rahmen der nächsten CITES-Konferenz 2016 auf die Idee des Nashorn-Erntens und -Handels einzugehen.

Am wichtigsten ist es daher, meint er, der Korruption den Kampf anzusagen. Können Südafrika und die anderen Länder der Region nachweisen, dass sie dieses Problem im Griff haben; können sie nachweisen, dass die eingesetzten Mittel wirklich für Artenschutzprogramme verwendet werden und nicht versickern, dann sollte es möglich sein, den kontrollierten Handel mit Rhinohorn zuzulassen.

„Europäer und Amerikaner sollen sich nicht länger einfach nur verweigern. Sie müssen im Gegenzug Druck auf die afrikanischen Länder ausüben, absolute Transparenz im Handel und bei der Verwendung der Mittel zu garantieren.“ Letztendlich steht und fällt der Artenschutz – und nicht nur der Schutz der Nashörner – mit den vorhandenen Geldmitteln. Die aber sind knapp in den afrikanischen Ländern.

Deswegen setzen die privaten Reservate auf den Tourismus. Heute mehr denn je. „Wir brauchen jeden Cent für unsere Arbeit. Der Tourismus garantiert uns eine finanzielle Basis“, so Reilly. Auch in Mkhaya patroullieren Ranger mit Schnellfeuergewehren und speziell trainierten Hunden. „In Mosambik ist das Nashorn innerhalb von 100 Jahren heute bereits zum dritten Mal ausgerottet. Jetzt sind Südafrika und der Krüger Park die einfachsten Ziele. Irgendwann werden die Wilderer auch uns wieder aufs Korn nehmen“, merkt Mick Reilly noch an. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“

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In Palala bereitet sich unterdessen Alpheus auf eine weitere Nacht im Busch vor. Ausgestattet mit einer Decke und einem Mobiltelefon. Um Unterstützung anfordern zu können. (fvk)

 

 

 

  

Frei von Göttlichkeit

Wie der Glaube an einen Gott den Wissenschaften den Weg bereitete. Und welche Rolle Echnaton und Moses für die Eroberung des Weltalls spielen. Eine Spurensuche.

Im Weltall: Ed White 1965 © NASA

Im Weltall: Ed White 1965 © NASA

Wann beginnt die Geschichte der Raumfahrt? Mit Jules Vernes Roman „Von der Erde zum Mond” im Jahr 1865? Mit Konstantin Ziolkowskis Theorie über den Raketenantrieb um 1900? Oder doch erst mit Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch in den Weltraum vorstößt? Der Professor für Altes Testament an der Universität Wien, Walter Kornfeld, überraschte im Jahr 1970, die erste Mondlandung war noch frisch in Erinnerung, seine Studenten. Thema seiner Vorlesung war die biblische Schöpfungsgeschichte. Genauer gesagt, Genesis 1,16: „Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere”. Notburga Mayrhofer erinnert sich lebhaft an den Moment, als er kurz und knapp sagte: „Meine Damen und Herren, hier beginnt die Geschichte der Raumfahrt.“

Bei einem Vortrag in Innsbruck, 40 Jahre später, erklärt Mayrhofer, als Schwester Beatrix Provinzoberin der Armen Schulschwestern: „Das mag im Moment verwunderlich klingen. Aber wenn man den Text genau ansieht, dann nennt der biblische Schriftsteller die von vielen Völkern so göttlich verehrte Sonne und den Mond ganz despektierlich bloß ,Lampen‘. Gott macht Lampen und hängt sie an den Himmel. Ja, weil das All Gottes Schöpfung und nicht Gott selbst ist, eröffnet sich das Tor zur Forschung. Gerade die Entmythologisierung des Kosmos ist die Voraussetzung für seine wissenschaftliche Erforschung.“

Eine religiöse Erzählung als „Voraussetzung“ von Wissenschaft und Forschung? Das ist starker Tobak. Aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

ES KANN NUR EINEN GEBEN

Eine Revolution bricht ab 1353 v. Chr. über Ägypten herein. Der Pharao sendet seine Männer aus, die Namen der alten Götter zu tilgen. Sie zerkratzen ihre Namen in den Tempeln, sie verbieten die alten Riten. Niemand mehr darf den Göttern opfern, niemand mehr ihre Statuen baden und kleiden. Selbst Balsamierer und Mumizierer verlieren Aufträge, an Ansehen und Einfluss. Nur eine Gottheit zählt: Aton. Symbolisiert durch die Strahlen der Sonne. Gestaltlos und allmächtig.

Im Louvre: Pharao Echnaton © Wikimedia/Louvre/Rama

Im Louvre: Pharao Echnaton © Wikimedia/Louvre/Rama

Während die alten Tempel leer stehen und dem Verfall preisgegeben werden, wird in Theben ein 600 Meter langes Opferareal errichtet. Altar reiht sich an Altar. Jeden Morgen wird hier dem Aton geopfert. Wird das Fleisch zahlloser frisch geschlachteter Rinder und Hühner den Strahlen der Sonne entgegengehalten.

Echnaton, der „Ketzer-Pharao”, von dem nur wenige Reliefs mit einem in die Länge gezogenen Hinterkopf und Wulstlippen erhalten sind (die Büste seiner Gattin Nofretete hingegen ist heute in Berlin zu sehen) herrscht 17 Jahre. Sein (mutmaßlicher) Kurzzeitnachfolger Semenchkare hält am Aton-Kult fest. Dann besteigt Tutanchaton den Thron der Pharaonen – und geht als Tutanachamun in die Geschichte ein. Ägypten aber kehrt mit ihm zurück zu seinen alten Göttern. Ramses der Große lässt den Namen Echnatons zur Sicherheit aus den Königsbüchern tilgen. Nichts soll an den Irrweg erinnern. Es herrscht wieder Friede in der Götterwelt der Ägypter. Zurück kehren Isis und Osiris, Seth und Horus. Zurück kehrt die ewige Ordnung des Kreislaufs aus Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt.

Etwas mehr als 20 Jahre dominiert der Aton-Kult Ägypten. Eine kurze Zeitspanne, verglichen mit der mehrtausendjährigen Geschichte des pharaonischen Reichs. Eigentlich nur eine Fußnote. Eine Irritation allenfalls. Die aber hält bis heute an.

URSPRUNG STATT SCHÖPFUNG

Echnaton fasziniert. Kaum wird er um 1900 von Archäologen wiederentdeckt, vermuten Ägyptologen wie der Amerikaner James Breasted oder der deutsche Althistoriker Eduard Mayer einen Zusammen- hang zwischen ihm und dem Propheten Moses. Sigmund Freud nimmt sich ebenfalls des Themas an. 1937 erscheint sein letztes großes Werk „Der Mann Mose und die monotheistische Religion“. Auch er ortet den Ursprung des altisraelischen Eingottglaubens bei Echnaton. Moses, so postuliert er, sei eigentlich ein Aton-Priester, der das geistige Erbe des Pharaos aufrechterhält. Den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten deutet er als die Abwendung vom alten Vielgottglauben.

Für den Aton-Priester Moses hat die Archäologie bis dato keinen Beleg gefunden. Dass aber die Religion des Moses eine unmittelbare Reaktion auf die altägyptische Götterwelt ist, dafür spricht vieles. Mit Folgen, die unser Bild der Welt nachhaltig beeinflussen.

Für die Ägypter, so der in Konstanz lebende Ägyptologe Jan Assmann bei einem Vortrag in Innsbruck 2010, steht am Anfang der Welt nicht etwa ein Schöpfungsakt als vielmehr ein Ursprung. „Diesen Ursprung stellten die alten Ägypter sich als Spontangenese eines Urgottes vor, der als Sonne aufging und durch seine Strahlung die Welt aus sich entließ, die sich in Luft und Licht, Himmel und Erde, Raum und Zeit, Land und Wasser, Menschen, Göttern, Tieren und Pflanzen in Form eines komplementären Prozesses aus Emanation und Kreation entfaltete.”

Dieser Punkt ist zentral für das Verständnis Altägyptens. Der Ursprung liegt für die Menschen des Pharaonenreichs nicht in ferner Vergangenheit, er wiederholt sich vielmehr jeden Tag mit dem Aufgang der Sonne. Alles was ist, ist mithin von der Sonne abhängig. Mehr noch: „Diese Abhängigkeit alles Seienden von der Sonne wird als Herrschaft verstanden, die die Sonne über alles Seiende ausübt, und zwar als politische, als Königsherrschaft. Die pharaonische Königsherrschaft ist nach altägyptischer Überzeugung so alt wie die Welt“, fasst Assmann zusammen. Und der Pharao ist der „Sohn der Sonne”.

In Rom: Moses © Wikimedia/Rabax63

In Rom: Moses © Wikimedia/Rabax63

Die Bedeutung dieser allumfassenden Zuständigkeit zum einen und des tagtäglich gelebten Wiederkehrens des Ursprungsmythos zum anderen formt als große Erzählung das Bild, welches sich die Menschen Ägyptens von der Welt machen. Alles ist göttlich, die Sonne, die gesamte Natur, die Umwelt, mit der die Menschen sich konfrontiert sehen. Und: Sie sind nicht zu hinterfragen.

VEREHRUNG ALS HÖCHSTES ZIEL

Dieses Element ist keine Besonderheit der altägyptischen Zivilisation. Die Sumerer pflegen eine ähnliche Sichtweise. Der tschechische Wirtschaftswissenschaftler Tomas Sedlacek untersucht in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse” die Geschichte unseres Wirtschaftssystems und geht dabei weit zurück. Bis in die Zeit der frühesten Mythen. Er beginnt seine Ausführungen anhand des sumerischen Gilgameschepos: „Die Geschichte hat kein Ziel, alles wiederholt sich mit kleinen Veränderungen zyklisch, wie wir es aus der Natur kennen [...] Die Natur war nicht entdeifiziert; daher war es unvorstellbar, sie zu erforschen, geschweige denn, in sie einzugreifen (sofern man nicht zu zwei Dritteln Gott war, wie Gilgamesch). Es wäre viel zu gefährlich gewesen, das Terrain der höchst launischen Götter zu untersuchen.”

Dabei wären Ägypter wie Sumerer durchaus und mit Leichtigkeit in der Lage gewesen, wissenschaftliche Forschungen voranzutreiben. Ihre Kenntnisse in der Astronomie und damit in mathematischen Fragen, in Belangen der Architektur wie in jenen der Medizin sind unbestritten. Doch dienten etwa die Kenntnisse der Astronomie ausschließlich dazu, wiederkehrende Ereignisse exakt zu berechnen. Oder dazu, Tempelanlagen so genau auszurichten, dass die Verehrung der Gottheiten höchste Vollkommenheit erreichen konnte. Die Frage nach dem „Warum“ stellte sich einfach nicht. Unter Ramses II. erreicht Ägypten einen Gipfelpunkt wirtschaftlicher, kultureller und politischer Macht. Es dominiert die Welt des Mittelmeerraums und des Vorderen Orients, wie die USA die Welt nach 1989.

Dominanz aber ruft bisweilen heftige Gegenreaktionen hervor. Heute wie damals. Die Antithese zu Ägyptens Glanz, Gloria und Götterpomp ist der absolute Monotheismus des Volkes Israel. Ein Bruch mit dem altägyptischen Weltbild, wie er radikaler nicht sein kann. Radikaler noch als jener des Echnaton. Im Exodus des Alten Testaments wird nicht nur der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten beschrieben, sondern vor allem ein ganz anderes Bild der Gottheit vermittelt. Es gibt nur den einen Gott. Er hat weder Gesicht noch Gestalt. Er bietet den Menschen einen Bund an. „Gott stand nun in radikaler Außerweltlichkeit einer Welt gegenüber, die über keinerlei immanente Göttlichkeit mehr verfügte und die der Mensch gehalten war, sich untertan zu machen, damit er aufhörte, sie anzubeten”, so Assmann.

Im Buch Mose wird der Gott Israels als ein Gott der Befreiung positioniert. „der dich aus Ägypten und der Sklaverei befreit hat“. Und er ist ein Gott, der sich erweisen wird. Er ist ein Gott der Zukunft. Er befreit nicht nur das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft, er befreit es von einer durch und durch göttlichen Umwelt. Er beendet die tagtägliche Rückkehr zum Ursprung. Von nun an gibt es eine Vergangenheit. Mehr noch, es gibt eine Zukunft.

„Das Zeitverständnis der Juden ist linear, für sie hat die Zeit einen Anfang und ein Ende. Sie glauben an den historischen Fortschritt, und zwar in dieser Welt“, hält Sedlacek fest. „Zu den Dingen, die die Menschheit den Verfassern des Alten Testaments verdankt, gehören die Idee und das Konzept des Fortschritts.” Und: die Entgöttlichung ihrer Helden so wie der Natur.

DIE NEUE IDEE DES FORTSCHRITTS

Damit stellt sich das Volk Israel in allen Belangen gegen die damals herrschende und alles überstrahlende Lehre. Es bricht gleichsam aus der Gefangenschaft des ewigen Kreislaufs aus, es zieht seine Identität aus dem klaren Gegensatz zum zivilisatorisch alles überstrahlenden Ägypten. Ob dahinter ein ehemaliger Aton-Priester steckt, der die Lehre des Echnaton weiterführt oder nicht, ob der Exodus so vonstatten gegangen ist, wie tradiert, oder ganz anders stattgefunden hat, wofür es durchaus Anhaltspunkte gibt, ist im Endeffekt einerlei.

Wichtig ist, dass eine Vorstellung formuliert wurde, die für unser heutiges Verständnis der Welt von elementarer Bedeutung ist. „Zur Idee des Fortschritts, die später die treibende Kraft bei der Erschaffung der Wissenschaft und die Hoffnung unserer Zivilisation generell wurde, kam es erst aufgrund eines linearen Geschichtsverständnisses“, fasst Sedlacek zusammen. Und fährt fort: „Unsere Zivilisation verdankt die Idee des Fortschritts also vor allem den Hebräern. Im Laufe der Geschichte erfuhr diese Idee allerdings große Veränderungen, und heute begreifen wir sie ganz anders.“

Ob der biblische Autor einst die Erforschung des Weltalls im Sinne hatte, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Die Geschichte der Raumfahrt bedarf wohl keiner Rückdatierung. Was aber als Kern dieser Erzählung Bestand hat, ist die Freiheit, die Welt zu untersuchen und erforschen. Ein Keim, der in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu voller Blüte gelangt. Durchaus zum Missfallen der kirchlichen Autoritäten. (fvk)

Am Mond: Fußspur der Astronauten © NASA

Am Mond: Fußspur der Astronauten © NASA


Dieser Artikel ist erstmals in UNIVERSUM 9/2012 erschienen.

Denken, nicht nur gedacht

Foto: Universität Wien 

Foto: Universität Wien 

Mit der „Biopsychologie des Verstandes“ setzte sich das 2. Biologicum Almtal auseinander. Eine Tour de Force durch die Evolution bis hin zum Brain-Computer-Interface. 

Am Anfang ist ein Affe. Sein Körper ist gefesselt. Sein Gehirn über ein Interface mit einer Prothese verbunden. Und dann sind da Bananenstücke. Die will der Affe haben. Und so bewegt er die Prothese zu der Frucht, nimmt sie in die Prothesenhand. Führt sie zum Mund und frisst sie. Reine Willenskraft, die über 32 Zellen eine Prothese steuert.

„Die Sache ist nicht so kompliziert wie wir denken“, kommentiert Neuropsychiater Niels Birbaumer die Videosequenz zu Beginn seines Vortrags. „Die Sache“, das ist das Gehirn. Unser Gehirn. Die Gehirne der Säuger. Also die auch unserer nahen Verwandten. Im Grunde funktionieren sie alle nach demselben Prinzip. Trotzdem ist das Gehirn dann doch wieder ein Rätsel. So wie das Denken, die Logik und die Emotion.

Grünau im Almtal, Anfang Oktober. Das 2. Biologicum findet statt und hat das Denken zum Thema erkoren. Die Biopsychologie des Verstandes.

Diese Ergänzung ist essentiell. Es geht nicht um die Philosophie, nicht um die Geisteswissenschaft, es geht um die Naturwissenschaft. Dass philosophische Fragen dennoch immer wieder auftauchen, das versteht sich von selbst. Dennoch verharren sie im Hintergrund. „Das hier ist das Biologicum, nicht das Philosophicum“, hält Kurt Kotrschal fest.

Als Zoologe hat er gleichsam eine Rechnung offen mit der Philosophie. Genauer gesagt mit René Descartes, dessen Diktum Cogito ergo sum „Denken, Bewusstsein und Geist zu absoluten Maßstäben erhob. In seiner Überschätzung der menschlichen Bewusstseinsfähigkeit machte er sie zum Hauptkriterium der Unterscheidung vom ,Tier‘ und vertiefte so den Graben zwischen ,uns und den anderen‘“, kritisiert Kotrschal in seinem Eröffnungsvortrag.

Hier der Mensch... (Foto: Simon Wijers/Unsplash)

Hier der Mensch... (Foto: Simon Wijers/Unsplash)

Hier der Mensch. Des Denkens fähig. Und damit sich seiner bewusst. Krone der Schöpfung.

Dort das Tier. Reflexgesteuert. Allenfalls dressurfähig. Die Kreatur, die man sich untertan machen kann und darf.

...dort das Tier. (Foto: Josh Felise/Unsplash)

...dort das Tier. (Foto: Josh Felise/Unsplash)

Wobei Michel de Montaigne noch vor Descartes eine Gegenposition formulierte. Indem er „Geist und Denken fest mit den Sinnen und dem Körper verband. Er bereitete damit den Boden für das ,Darwinsche‘ (evolutionäre) Kontinuum zwischen uns und den anderen Tieren, auch was die Denkfähigkeit betrifft“, tritt Kotrschal sogleich zur Ehrenrettung der Philosophie an.

Was freilich bleibt, ist die Wirkmacht von Descartes. Die Kraft seines Bildes vom denkenden und damit seienden menschlichen Wesen als einzigartig.

Dem ist nicht so. Das ist im Grunde eine Kränkung des Menschen. Eine von vielen, die er hinnehmen musste im Laufe der Geschichte. Dank der Wissenschaften.

Eine der ganz großen ist, dass er, der Mensch, sich mit den Affen Vorfahren teilt. Dass er eigentlich nichts anderes ist als eine, nun ja, Primatenart. Dafür wurde Darwin gescholten. Dafür wird er gescholten. Diese Kränkung sitzt tief. Doch nun stellen seine wissenschaftlichen Nachfolger noch mehr fest: Auch andere Tiere (Kotrschal) sind zu höchst staunenswerten kognitiven Leistungen fähig. Sogar zur Empathie.

Tiere denken ähnlich wie wir. Sie treffen flexible Entscheidungen, handeln nach Ursache-Wirkungszusammenhängen, stellen sich die Zukunft vor und planen
— Kurt Kotrschal

Elefanten trauern. Wölfe lösen Aufgaben. Raben pflegen Freundschaften. Papageien nutzen Werkzeuge, verstehen Sinn und Einsatzmöglichkeit von Worten und Begriffen. Das Tier mit „Köpfchen“, einst bestauntes Kuriosum auf Jahrmärkten, die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist keine Ausnahme. Tiere, so Kotrschal „können ähnlich wie wir denken. Sie treffen flexible Entscheidungen, handeln nach Ursache-Wirkungszusammenhängen, stellen sich die Zukunft vor und planen“.

Basis all dessen ist das Gehirn. In all seinen Ausformungen und Gestalten.

Vor rund 550 Millionen Jahren beginnt das Gehirn sich zu entwickeln. Erst einfach, als Konzentration der Sinnesorgane schon bei kieferlosen Wirbeltieren. Sozusagen als ein schlichter Sammelpunkt an dem Nervenstränge zusammenlaufen. So wie er immer noch beim Neunauge vorhanden ist. Einfach gestrickt.

Dabei bleibt es nicht. Im Zuge der Evolution entwickelt sich ein immer komplexeres System das zu großen, flexiblen, lern- und denkfähigen Gehirnen führt. Parallel dazu entwickeln sich neuronale, hormonale, emotional-kognitive und Verhaltensausstattungen, die in der Partnerbindung zum Einsatz kommen. „Über den gesamten Wirbeltierstammbaum, vom Fisch bis zum Mensch, teilen wir strukturell und funktionell ein nahezu identisches, ,soziales Netzwerk‘ im Stamm- und Zwischenhirn“, so Kotrschal.

Alle Wirbeltiere teilen ein nahezu identisches soziales Netzwerk in Stamm- und Zwischenhirn. (Foto: Dean Nahum/Unsplash)

Alle Wirbeltiere teilen ein nahezu identisches soziales Netzwerk in Stamm- und Zwischenhirn. (Foto: Dean Nahum/Unsplash)

 

Mit dem Leben in immer komplexeren Öko- und Sozialsystemen werden weitere, ausgefeilte „Schaltzentralen“ entwickelt. Zentren vieler spezieller und allgemeiner Intelligenzleistungen. Wobei es dem Gehirn nicht anzusehen ist, wie leistungsfähig es ist. „Raben haben ein ganz glattes Gehirn, jenes der Säugtiere hingegen faltet sich. Das sagt nichts aus. Ebenso wenig wie die Größe oder das Gewicht. Entscheidend ist die Anzahl und Dichte der Neuronen“ erklärt der Forscher.

Was den Menschen nun ausmacht, das ist seine Sprachfähigkeit. „Nur Menschen sind zur komplexen Symbolsprache fähig“, fährt Kotrschal fort. „Menschwerdung ist im Kern die Evolution des Wortes und das Wort treibt die Evolution des Menschen. Erst das Wort erlaubt es, das individuelle Denken sozial zu vernetzen, mentale Zeitreisen mit anderen zu teilen, Meinungen zu bilden, zu streiten. Es begründet solchermaßen auch das hohe soziale Prestige geistiger Leistungen.“

Im Anfang war das Wort. So gesehen hat die Bibel recht. Und die ist wiederum ein Ausfluss dieser Fähigkeit. Sie ist eine Geschichte, die Menschen miteinander verbindet. Über alle Ethnien, Kontinente und Sprachen hinweg.

Der Mensch ist ein Worttier. Aber nicht nur. Das Wort braucht die Geste. Es braucht den Gesichtsausdruck. Es braucht den Körper.

Montaigne also. Nicht Descartes.

Dessen stolzer Satz aber sitzt tief im Denken. Auch im jenen der Wissenschaften. „Nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Psychologie und der Linguistik“, moniert die Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia. „In der traditionellen Sprachwissenschaft wird nach wie vor behauptet, dass Sprache ein Phänomen des Geistes sei, das aus abstrakten Elementen wie Wörtern und Grammatikregeln besteht.“

Wörter sind in ausgedehnten Netzwerken eingebunden. Sie schließen jegliche körperliche Erfahrung ein, die der Mensch zum Wort in seinem gesamten Leben gesammelt hat
— Manuela Macedonia

Sie legt Widerspruch ein. Vehement. Mit starken Argumenten, empirisch gesichert und belegt. Versteht sich. Das hier ist das Biologicum.

„In Kernspintomografen ,sieht‘ man, dass zum Beispiel Wörter nicht nur in kanonischen Spracharealen, sondern in ausgedehnten Netzwerken eingebunden sind. Solche Netzwerke schließen jegliche körperliche Erfahrung ein, die der Mensch zum Wort in seinem gesamten Leben gesammelt hat“, führt Macedonia aus. Unser Gehirn, ein Erinnerungsnetzwerk.

Die Linzer Forscherin arbeitet beim Erwerb einer Fremdsprache mit unterstützenden Gesten. Gesten bauen eine „motorische Spur“ in das Wortgedächtnis ein. Neue Begriffe werden so besser, weil mehrfach abgesichert, gespeichert.

Gesten bauen eine motorische Spur in das Wortgedächtnis ein. (Foto: Luisa Dusche/Unsplash)

Gesten bauen eine motorische Spur in das Wortgedächtnis ein. (Foto: Luisa Dusche/Unsplash)

„Um sprachliche Vorkenntnisse auszuschließen, die eine Studie beeinflussen können, habe ich fiktive Vokabeln entwickelt. Bei meiner Untersuchung 2003 durften die Testpersonen die Kunstwörter mit oder ohne Gesten lernen“, beschreibt sie ihre Arbeit. Ergebnis: Die Geste bringt es.

„Wie sich zeigte, erinnerten sie sich anschließend auch dann an die neu geschaffenen Wörter besser, wenn sie sie mit Körperbewegungen unterstützten. Besonders interessant war die Langzeitwirkung der Gesten: Nach 14 Monaten konnten die Probanden immer noch etwa zehn Prozent der Wörter wiedergeben. Bei per Bild und Text gelernten Vokabeln lag die Quote nach dieser Zeit nur bei gut einem Prozent“, berichtet sie.

Allerdings verlangt das Gehirn nach sinnvollen Gesten. Nicht nach irgendwelchen Bewegungen. „Je besser die Geste den Wortinhalt abbildet, desto wirkungsvoller ist sie“, so Macedonia.

Durch die Geste wird der Begriff mehrfach konnotiert und abgelegt. Es wird sozusagen ein Assoziationsnetzwerk aufgebaut, das bei Bedarf anspringt und abrufbar ist. Denn unser Denken erfolgt über weite Strecken automatisiert.

Daniel Kahneman beschreibt diese Vorgänge höchst exakt und spannend in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“. Das schnelle Denken sind Entscheidungen die auf Erfahrung, auf Mustern beruhen. Vieltausendfach gespeichert, in Sekundenbruchteilen abrufbar. Die Intuition, effizient und sparsam im Energieverbrauch.

Die Sache ist nicht so kompliziert, wie wir denken
— Niels Birbaumer

Das ist ein wesentlicher Punkt. Unser Gehirn braucht Energie. Rund 25 Prozent der gesamten Körperenergie gehen in unseren Kopf. Zur Informationsverarbeitung. Als Computer wird unser Gehirn bezeichnet, mit einer Festplatte verglichen. Das greift zu kurz. Sicher ist, jedes Gehirn ist einzigartig. Einzigartig in seiner ganz speziellen Art und Weise der Assoziationen. Einzigartig in seiner Vernetzung. Es ist mehr als nur eine auf Algorhitmen aufgebaute Software. Es ist eigentlich ohne den Körper, der es umgibt, der ihm ununterbrochen seine Sinneswahrnehmungen übermittelt, nicht vorstellbar.

Auftritt Birbaumer, führend in der Forschung und Arbeit mit der Neuroprothetik. Oder, einfacher gesagt, mit Brain-Computer-Interfaces. Mittels Gedanken Prothesen zu steuern, das ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Es ist machbar. Und es wird bald schon Alltag sein. Birbaumer aber geht einen Schritt weiter. „Wir koppeln Leben an Kommunikationsfähigkeit“, sagt er. Zustimmung ist ihm gewiss. Dann seine Frage: „Was ist mit Lähmung? Endet dann das Leben?“ Seine Antwort ist eindeutig: Nein.

Das Auge als Mittel digitaler Kommunikation. (Foto: Sean Brown/Unsplash)

Das Auge als Mittel digitaler Kommunikation. (Foto: Sean Brown/Unsplash)

Dass Gelähmte mittels ihrer Augenbewegungen schreiben, sich also mitteilen und damit kommunizieren können, Birbaumer demonstriert es. Auch hier noch im Bereich des allgemein Bekannten. „Aber was ist mit den völlig Eingeschlossenen?“, bohrt Birbaumer weiter. Was ist mit ALS-Patienten, die nicht mehr kommunizieren können, auch nicht mit Hilfe ihrer Augenbewegungen? Verloren? Unerreichbar? Ein Fall für die Patientenverfügung?

Auf die reagiert Birbaumer allergisch: „Die zerreiße ich sofort. Und ich werden Ihnen auch gleich erklären warum“. Zuvor noch zum Neurofeedback. „Wir können bei vollkommen Eingeschlossenen die Hirnströme auswerten. Denn das Gehör, das funktioniert,  wir können ihnen also Fragen stellen. Ganz einfache klare Ja-Nein-Fragen und messen gleichzeitig die Hirnaktivität.“ Das können Aussagen sein wie „Ich koche meinen Kaffee mit Socken“ oder „Ich koche meinen Kaffee mit Zucker“. Bei den „Socken“ gibt es im Hirn einen negativen Ausschlag. „Weil verstanden wird, dass es ein semantischer Fehler war“, erklärt Birbaumer. „So kann man feststellen, ob das Gehirn des Patienten noch semantisch und syntaktisch versteht, was da abläuft. Und ich kann daraus schließen, dass das Gehirn in der Lage ist, komplizierte Informationen zu erfassen.“ Es öffnet sich ein Fenster zu den Eingeschlossenen. Erkennbar und deutbar anhand der Hirnaktivitäten.

Birbaumer und seine Kollegen nutzen diese Fenster auch um die Zufriedenheit künstlich am Leben erhaltener vollständig Gelähmter zu erfragen. „Die sind, wenn sie sich erst einmal an ihren Zustand gewöhnt haben, genauso zufrieden wie ein gesunder Durchschnittsmensch, die wollen gar nicht sterben. Ihre einzige Sorge ist vielmehr, dass die künstliche Beatmung ausfällt.“ Daher rührt Birbaumers Aversion gegen Patientenverfügungen. „Da wird aus Angst ein unwiderruflicher Schritt festgeschrieben, weil man sich nicht vorstellen kann, dass auch dieses Leben gut sein kann“, so Birbaumer.

Für Debatten ist also gesorgt. Je besser Neurologen und Kognitionsforscher das Gehirn verstehen, desto mehr Fragen werden sich auftun. Fragen, die unser Selbstverständnis betreffen. Dann wird es wieder philosophisch. Auch am Biologicum. (fvk)